Interview mit Konstantin Guericke : "Es steht 1:10"

Konstantin Guericke, Mitgründer der Businessplattform LinkedIn, im Gespräch mit Tagesspiegel Online über Expansionspläne, die Perspektiven der Branche und den Börsengang des Konkurrenten.

Herr Guericke, LinkedIn ist eine erfolgreiche Plattform für geschäftliche Kontakte aus den USA. Wo liegt der Kern ihrer Geschäftsidee und worin unterscheidet sich ihr Konzept von denen ihrer Konkurrenten?



In Deutschland werden wir manchmal als amerikanisches Netzwerk dargestellt, aber mit 1,1 Millionen Mitgliedern sind wir mit Abstand das größte Businessnetz in Asien. Und mit 3,4 Millionen Mitgliedern sind wir auch der klare Marktführer in Europa. Da Business heutzutage sehr international ist, nutzen in Deutschland viele unserer Mitglieder LinkedIn wegen der internationalen Kontakte. Es ist interessant, dass wir der Marktführer in Europa geworden sind, obwohl wir bis vor sechs Wochen noch überhaupt nicht "vor Ort" aktiv waren und es auch bislang noch keine lokalisierten Versionen gibt. Dass sich die lokalen oder lokalisierten Versionen gegenüber LinkedIn nicht durchgesetzt haben, liegt meiner Meinung nach daran, dass die freie Mitgliedschaft bei LinkedIn keine abgespeckte Version ist, sondern dass man zum Beispiel nach Firmennamen oder Position suchen und auch Nachrichten versenden kann, ohne für eine Premiummitgliedschaft bezahlen zu müssen. Ein starkes kostenfreies Produkt stärkt die Mitgliederwerbung.

Im März soll die deutsche Version von LinkedIn starten. Welche Bedeutung hat dieser Start und der deutsche Markt allgemein für LinkedIn?

Wir erwarten eine Verdoppelung unserer Mitgliederzahlen, denn nicht jeder kann Englisch gut genug, um sich selbst auf Englisch beruflich darzustellen. Bis Ende nächsten Jahres wollen wir mit Xing in Deutschland gleichziehen. Seit der Einführung unseres Markteintrittangebots von vor zwei Wochen haben sich die LinkedIn-Neuanmeldungen in Deutschland schon verdreifacht. Deutschland entwickelt sich damit zum wichtigen Wachstumsmotor für LinkedIn.

Wie schätzen Sie den Börsengang und die ehrgeizigen Expansionspläne von OpenBC/Xing ein? Fürchten Sie um Marktanteile im europäischen Ausland?

Wir haben im europäischen Ausland schon 3 Millionen Mitglieder. Xing hat laut Börsenunterlagen dort unter 300.000. Wenn es ein Fußballspiel wäre, so stünde Xing jetzt eine Aufholjagd beim Spielstand von 1:10 vor. Wir werden es sorgfältig beobachten, aber machen uns da keine Sorgen, denn unser Wachstum in Europa nimmt ja mit 240.000 Neuanmeldungen in den letzten 30 Tagen noch gegenüber Xing kräftig zu. Wir haben also den Ballbesitz und sind kurz vor dem Tor von Xing.

Sie haben sich bisher vorwiegend mit Venture-Kapital finanziert und tragen die neueren Expansionspläne aus dem laufenden Geschäft. Könnte das ein Nachteil in der strategischen Geschäftsentwicklung für LinkedIn werden?

Nein, denn für uns ist es nicht notwendig, andere Netze aufzukaufen. Extra Geld in der Kasse hilft dabei auch nicht viel, denn es gibt ja keine anderen größeren Businessnetze zu kaufen. Selbst wenn Xing die nächstgrößten 20 Businessnetze alle kauft, kommt mit so einem zusammengestückelten Netzwerk weniger als ein Drittel von LinkedIns Mitgliedschaft dabei raus. Wenn man an der Börse notiert ist, so ist es außerdem schwierig, strategisch zu agieren, denn Investoren wollen natürlich wissen, ob die neugewonnenen Mitglieder sich auch im Umsatz auszahlen werden.

Sie haben jüngst auch einen Zukauf zur Verwirklichung der Expansionspläne nicht ausgeschlossen. Kommt eine solche Lösung noch in Frage, welche Märkte haben sie dabei im Auge und welche Firmen könnten Objekt einer solchen Transaktion sein?

Wir werden wohl eher ein Gelegenheitskäufer sein. Mehr als 20 Euro pro Mitglied werden wir wohl kaum ausgeben, denn das organische Wachstum durch Mitgliederwerbung funktioniert ja gut und wir sind ja schon in Europa, Asien und Amerika der Marktführer. Wir wollen ja auch keinen Netzwerk-Flickenteppich. Es ist nämlich nicht einfach, Nutzer, die an ein Netzwerk gewöhnt sind, einfach in ein anderes Netzwerk reinzuladen. Zum Beispiel kennen die Mitglieder des größten französischen Netzwerkes gar keine Premiummitgliedschaften. Die sind gewohnt, dass alles kostenlos ist und sich das Netzwerk über Werbung finanziert. Allein die Umbenennung von Xing hat ja schon für einige Furore gesorgt, obwohl sich ja eigentlich außer der Verpackung kaum etwas verändert hat. (Die Fragen stellte Markus Mechnich)

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