Interview : "Neue Kohlekraftwerke sind ein Fehler"

Claudia Kemfert, Energieexpertin des DIW, über den Erfolg und die Zukunft des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Es gibt schlagende Argumente für das EEG, sagt Claudia Kemfert.
Es gibt schlagende Argumente für das EEG, sagt Claudia Kemfert.Foto: ddp

Frau Kemfert, wie lange dauert die Umstellung der deutschen Stromversorgung auf erneuerbare Energien?

Das braucht mindestens noch 50 Jahre. Das liegt an den Investitionszyklen in neue Kraftwerke und dem Aufbau der neuen Infrastruktur, die wir noch nicht haben. Ich erwarte bald technologische Durchbrüche bei der Speichertechnologie, sei das Elektromobilität oder andere Formen. Dann ist es leicht vorstellbar, dass Energie dezentral erzeugt, gespeichert und verbraucht wird. Gebäude werden Energie erzeugen und viel weniger verbrauchen und die Mobilität anders organisiert sein. Dann ist die Welt mit einer vollständigen Versorgung durch erneuerbare Energien denkbar.

Ist das in den bestehenden Strukturen – die vier größten Energiekonzerne bilden ein Oligopol – überhaupt möglich?

Nein. Wir werden zu einer viel dezentraleren Energieversorgung kommen. Gebäude werden vollständig wärmegedämmt sein. Für die Elektromobilität werden Batterien auch als Stromspeicher genutzt werden können. Auch das ist dezentral möglich. Außerdem muss das Netz so ausgebaut werden, dass Energie in viel kleineren Einheiten produziert und konsumiert werden kann. Da geht man weg von den Großkraftwerken.

Geht der Trend grundsätzlich weg von Großprojekten?

Ich glaube, dass es auch mit erneuerbaren Energien große Projekte geben wird wie Desertec, wo Solarenergie in den Wüsten Nordafrikas erzeugt und exportiert werden soll, oder Seatech, eine bessere Vernetzung mit den Wasserkraftwerken Skandinaviens, wie auch Offshore-Windparks in der Nord- oder Ostsee. Solche Projekte schaffen dann auch die Möglichkeit, Strom über größere Distanzen zu handeln. Es wird eine Verbindung zwischen den großen und den dezentralen Projekten geben müssen.

Glauben Sie, dass die großen vier den Umbau des Energiesystems mitmachen?

Ich vermute, dass sie insbesondere in die großen erneuerbaren Energieprojekte investieren werden. Gleichzeitig werden sie über intelligente Stromzähler und Ähnliches auch ihre Kundenbasis erhalten wollen.

Die 50 Jahre zur Umstellung auf erneuerbare Energie errechnen sich aus der Tatsache, dass derzeit eine Reihe von Kohlekraftwerken im Bau ist?

Da sprechen Sie ein Übel an, das man hätte vermeiden müssen. Dass neue Kohlekraftwerke gebaut werden, halte ich für eine Fehlinvestition. Der Zeithorizont ergibt sich aus diesen Großkraftwerken, aber auch daraus, dass beispielsweise die Sanierung des Gebäudebestands zu voll wärmegedämmten Häusern und der Aufbau der Infrastruktur noch einige Zeit in Anspruch nehmen werden.

Wie kommen wir zu den nötigen Investitionen in die Netzinfrastruktur?

Dadurch, dass Vattenfall und Eon ihre Netze verkauft haben, werden jetzt ja erst einmal auch Unternehmen am Werk sein, die sich anders positionieren werden. Zum anderen glaube ich, dass Großkonzerne, die die Netzinfrastruktur bauen können, wie Siemens oder ABB oder noch einige andere genau da investieren werden. Das muss aber auch politisch flankiert werden durch eine Regulierung, die nicht allein den Preis der Durchleitung sondern auch die Qualität der Netze sowie deren Ausbau und Umbau berücksichtigt und so Investitionen ermöglicht.

Immer wieder behaupten Volkswirte, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und der Emissionshandel sich gegenseitig behindern. Wie sehen Sie das?

Gemeint ist, dass die Preise für Emissionszertifikate sinken, wenn mehr erneuerbare Energien eingesetzt werden und dadurch CO2 eingespart wird. Ein sinkender Preis würde dann zu noch mehr Emissionen führen. Doch dann dürfte es überhaupt keinen Klimaschutz geben, dann dürfte man auch keine Altbauten sanieren oder die Mobilität klimaschonender werden. Beide Instrumente können nebeneinander leben, müssen aber gut abgestimmt werden. Die Zahl der handelbaren Zertifikate muss an die Realität, auch an den Ausbau der erneuerbaren Energien angepasst, also nach unten korrigiert werden können.

Das EEG wird dieser Tage zehn Jahre alt. Warum wird es so oft kopiert?

Das EEG erfüllt seine Funktion gut. Es gibt Investitionsanreize für Investoren, das ist sehr wichtig. Durch das EEG werden neue Technologien angewendet, die dann auf dem Weltmarkt auch Erfolg haben können. Es ist ein Klimaschutzinstrument und dient der Energiesicherheit. Das sind schlagende Argumente.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

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