Interview : „Niemand würde das KaDeWe schließen“

KaDeWe-Chefin Ursula Vierkötter über zeitgemäßen Luxus, den Standort Berlin, die Auswirkungen der Arcandor-Krise und die Abfindung für Arcandor-Chef Eick.

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Ursula Vierkötter, Geschäftsführerin des KaDeWe.Foto: Thilo Rückeis

Frau Vierkötter, Sie führen ein Luxuskaufhaus in einer vergleichsweise armen Stadt. Wie gut passt das zusammen?



Die Menschen, die zu uns kommen, unterteile ich nicht nach arm oder reich und auch nicht nach alt oder jung. Die Kunden suchen bei uns nach Inspiration, nach Anregungen. Wir bieten Emotionen. Unabhängig vom Einkommen und vom Alter empfinden viele Menschen eine echte Liebe zu unserem Haus.

Müsste Berlin mehr tun, um nach vorne zu kommen?

Berlin hat großes Potenzial. Events wie die Fashion Week oder Bread & Butter zeigen das. Berlin hat die Chance, als Modestadt zu funktionieren. Dass wir hier keine Schwerindustrie mehr haben, sieht man doch. Alles, was mit Mode zu tun hat, ist für unser Haus extrem charmant.

Wie wichtig ist bei Ihnen die ausländische Kundschaft?

Internationale Kunden machen bei uns 40 Prozent aus. Die größte Gruppe kommt aus Russland, aber China ist sehr im Kommen. Es gab schon Wochen und Monate, in denen die chinesischen Kunden vorne lagen. Klar ist: Berlin kann sich als Tourismusstandort noch entwickeln. Ein großer Vorteil ist, dass ein Wochenende in Berlin bezahlbar ist. Vergleichen Sie das mal mit Paris.

Wie muss sich das KaDeWe entwickeln?

Ich möchte das KaDeWe moderner machen. Wir wollen für moderne Kunden attraktiv sein.

Was heißt das: moderne Kunden?

Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Der moderne Kunde will Innovationen und zwar schnell. Wie schnell wir die neuen Produkte hier auf den Flächen haben, ist ganz entscheidend. Heute sind die Kunden auch im Internet unterwegs. Wir müssen Orientierung bieten. In der Überfülle des Angebots inspirieren, nicht irritieren – das ist unsere Aufgabe. Der Kunde darf sich nicht überfordert fühlen. Deswegen ist die persönliche Beratung, die Empfehlung so wichtig. Daran müssen wir arbeiten. Die Emotionalität unseres Hauses ist unser größtes Differenzierungspotenzial.

Auf die eigentlichen Produkte kommt es gar nicht an?

Doch, natürlich. Dass wir erste Qualität bieten, gehört dazu. Die Quantität der verfügbaren Produkte lässt sich nicht steigern, die Qualität schon. Dafür steht unser Haus. Das können wir sowohl bei der Produktauswahl als auch bei der Kommunikation noch weiter treiben. Da geht es auch um Nachhaltigkeit, zum Beispiel im Lebensmittelbereich. Wir suchen kein Öko-Image, aber wir erleben bei unseren Kunden schon einen gewissen Wertewandel.

Planen Sie größere Veränderungen?

In Bau, Steine, Erden werden wir nicht investieren. Innovation und Schnelligkeit sind unsere Themen. Wir planen zum Beispiel Flächen mit mehreren Modelabels, um neue Trends schnell anbieten zu können. Das betrifft nicht unser Erdgeschoss mit seinen großen Namen, sondern Marken, die vielleicht nur einige Saisons en vogue sind. Auch in anderen Bereichen müssen wir genau überprüfen, welche Marken zu uns passen. Wir brauchen ein klar profiliertes Sortiment, aber es wollen ganz viele Hersteller bei uns Fuß fassen. Das KaDeWe gehört mit Sicherheit zu den Topadressen in ganz Europa. Deshalb ist unsere Aufgabe, aus dem unglaublichen Markenangebot ein erfolgreiches Sortiment zusammenzustellen.

Läuft denn Luxus in der Krise noch?

Luxus läuft, wenn er nicht obszön, sondern werthaltig ist. Der Kunde will die Möglichkeit haben, sich etwas zu gönnen. Ich rede hier nicht von überkandidelten Uhren oder teuren Handtaschen für eine Saison. Es geht um Produkte, an denen man länger Freude hat, die man unter Umständen an die nächste Generation weitergibt, wie eine schöne Uhr, aber es geht auch um den kleinen Luxus, um das leckere Stück Lenôtre-Torte oder den erschwinglichen Kaschmirpullover. Wir haben ja keine vergoldeten Laptops hier stehen. Wir bieten die Möglichkeit, Luxus individuell zu definieren.

Wäre es dann nicht folgerichtig, stärker mit Eigenmarken zu arbeiten?

Wir wollen dieses Thema ausbauen, der Name KaDeWe bietet eine Menge Potenzial. KaDeWe ist eine starke Marke, bei Bekleidung ebenso wie im Gourmetbereich.

Ist es vorstellbar, diese Marke auch außerhalb des KaDeWe zu vertreiben?

Ich kann mir alles vorstellen. Das Thema kann man noch viel weiter fassen. Wir prüfen zum Beispiel, in welchen Bereichen man als KaDeWe Lizenzen vergeben könnte. Auch ein Internetshop wäre eine Zukunftsoption. Es gibt viele Möglichkeiten. Wenn wir Geld verdienen können, bin ich dabei. Unterm Strich müssen wir gute Umsätze und ein vernünftiges Ergebnis erzielen, damit wir viele Arbeitsplätze sichern. Das ist mein Ziel.

Wie hat sich die Krise Ihres Mutterkonzerns Arcandor auf Ihre Pläne ausgewirkt?

Gar nicht. Das KaDeWe hat in seiner über 100-jährigen Geschichte so viele Krisen mitgemacht. Es hat sich immer wieder neu erfunden.

Die Insolvenz hat sich also nicht ausgewirkt?

Die Insolvenz ist eine Managementaufgabe. Es geht um Führung und Organisation. Die Mitarbeiter müssen wissen, woran sie sind. Hinzu kommt, dass unser Insolvenzverwalter Thomas Fox extrem konstruktiv und jederzeit ansprechbar ist. Wir bekommen die nötigen Budgets, wir werden unterstützt. Das ist wirklich in Ordnung.

Vor der Insolvenz hieß es, die Karstadt Premium Group, zu der das KaDeWe gehört, solle verkauft werden. Wie ist der aktuelle Stand?

Im Moment steht ein getrennter Verkauf nicht zur Debatte.

Wäre die Premium Group nicht bei einem Premiumhaus besser aufgehoben?

Ich beteilige mich nicht an Spekulationen.

Wie haben Ihre Kunden auf die Insolvenz reagiert?

Viele waren natürlich besorgt. Da wurden am Anfang große Emotionen frei. Jetzt wird das KaDeWe geschlossen – diese Angst hatten manche tatsächlich, auch weil die Medien diese Angst geschürt haben. Dabei würde niemand jemals das KaDeWe schließen.

Gab es einen Knick im Umsatz?

Wir entwickeln uns unter dem Strich ziemlich exakt wie der Markt, erleben also einen leichten Rückgang. Es gibt aber kaum Einbrüche wegen der Insolvenz von Arcandor. Und einige unserer Partner verzeichnen auch deutliches Wachstum.

Ist das KaDeWe profitabel?

Ja. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sie haben von Sorgen Ihrer Mitarbeiter und Kunden gesprochen, von Emotionen. Was empfinden Sie bei dem Gedanken, dass der zurückgetretene Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick eine Abfindung von 15 Millionen Euro kassiert hat?

Dazu sollte ich wahrscheinlich keinen Kommentar abgeben.

Aber?

Meine ganz persönliche Meinung ist, dass Herr Eick in einer extrem schwierigen Zeit einen Job übernommen hat, den niemand haben wollte. Er hat dafür einen guten Job aufgegeben. Das Geld kam auch nicht vom Unternehmen, sondern von der Bank Sal. Oppenheim, die so ihre Interessen sichern wollte.

Das Interview führten Moritz Döbler, Lorenz Maroldt und Gerd Nowakowski.

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