Interview : „Wir brauchen ein Energieministerium“

Fritz Vahrenholt, Chef von RWE Innogy, über bürokratische Genehmigungsverfahren, Engpässe bei Windkraftanlagen und verschenkte Energie.

Herr Vahrenholt, seit Februar gibt es RWE Innogy. Was haben Sie erreicht seitdem?

Eine ganze Menge. Unser Ziel ist es, mit den erneuerbaren Energien die CO2-Last des Konzerns zu senken. Unsere konkreten Wachstumspläne gehören zu den größten realisierbaren Projektvolumina in Europa. Zunächst haben wir alle RWE-Aktivitäten bei erneuerbaren Energien gebündelt.

Das sind ja nicht so viele.

Immerhin über 1000 Megawatt. Das reicht, um eine Stadt wie Köln zu versorgen. Wichtig ist uns, Kompetenzen zu konzentrieren. Eine der Hauptaufgaben in den ersten Monaten war die Verpflichtung exzellenter Experten. Wir haben im Februar mit 560 Mitarbeitern begonnen, inzwischen sind es 650 und Ende des Jahres werden es knapp 800 sein.

Und wie klappt das Geldausgeben? Immerhin will Innogy jedes Jahr eine Milliarde Euro investieren.

Von der Milliarde, die uns der Konzern jährlich für Erneuerbare zur Verfügung stellt, haben wir 2008 bereits rund zwei Drittel investiert. In Ungarn, Polen und Tschechien haben wir den Markteintritt bei der Windenergie geschafft, im Siegerland wurde mit dem Bau eines Biomassekraftwerks begonnen und in Italien ein Joint Venture für die Entwicklung von Windenergie- und Biomasseprojekten gegründet. Auch in Spanien bauen wir das Geschäft aus. Und es gibt weitere Vorhaben, vor allem in Südosteuropa.

Also geht der Großteil der Investitionen ins Ausland?

Das hängt von der Technologie ab. Biomasse konzentrieren wir stark in Deutschland, allein in Nordrhein-Westfalen bauen wir zehn Biomassekraftwerke. Am Hochrhein investieren wir derzeit 70 Millionen Euro in die Wasserkraft. Und auch Windparks wollen wir hier in nennenswertem Umfang bauen. Das ist aber nicht immer ganz so einfach.

Zu wenig Wind?

Es gibt an Land kaum mehr gute Standorte. Und die Widerstände gegen Windenergieanlagen werden auch immer größer. So darf zum Beispiel vielfach im Radius von 1,5 Kilometern kein Haus stehen – das bedeutet im eng besiedelten NRW faktisch ein Bauverbot. Und auch die Höhenbegrenzung auf 100 Meter ist hinderlich. Denn mit jedem Meter Höhe steigt der Ertrag um ein Prozent und macht die Anlage entsprechend wirtschaftlicher. Alles in allem kann man mit der gleichen Investition in Italien, Polen oder England mehr erreichen als in Deutschland.

Ein Grund mehr, um aufs Meer zu gehen?

Natürlich wollen wir vor den deutschen Küsten Windparks bauen. Aber auch hier unterscheidet sich Deutschland von anderen Küstennationen. So müssen wir mindestens 40 Kilometer raus aufs Meer, um einen Windpark zu bauen, in Dänemark, an der gleichen Küste, nur 15 Kilometer. Deshalb brauchen wir Wohnschiffe, um Wartung und Service der Anlagen zu gewährleisten. Und je weiter man raus geht, desto tiefer ist das Wasser.

Gibt es mit skandinavischen oder britischen Behörden weniger Probleme?

Ja. Wir Deutschen sind Weltmeister in Genehmigungsauflagen. Dabei sollten wir aufpassen, nicht zu viel Zeit zu verlieren. Schiffe, Kräne und Maschinen stehen nicht auf Abruf bereit. Es gibt nur zwei Anbieter von großen Offshore-Anlagen, die kaum mehr als 200 Anlagen im Jahr liefern können. Die gehen nur dahin, wo die Anlagen wirtschaftlich zu realisieren sind. Hinzu kommt: Mit jeder Auflage steigen die Kosten. Und die zahlt am Ende der Verbraucher.

Gibt es keine günstigere Art, grünen Strom zu gewinnen?

Wir dürfen bei den Erneuerbaren nicht alles auf eine Karte setzen. Mittelfristig werden in Deutschland fünf bis zehn Prozent der Stromversorgung aus Offshore-Windanlagen kommen. Sie haben ein großes Potenzial, ihr Strom ist aber noch ungefähr doppelt so teuer, wie der Strom, der an der Leipziger Börse gehandelt wird.

Und wie kommt der Strom von der See in die Haushalte?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir brauchen zusätzliche Leitungen. Doch auch hier schleppen sich die Genehmigungsverfahren hin. Keiner möchte eine Trasse in seiner Nähe haben. Auch wegen der fehlenden Leitungen mussten wir im Januar und Februar, als es sagenhaften Wind gab, Strom ins Ausland verschenken.

Warum denn das?

Wir müssen den Strom von den Küsten in die Verbrauchszentren transportieren. Dazu fehlen uns derzeit aber die Leitungen. An einem schönen Windtag haben wir in Schleswig-Holstein 200 Prozent des Eigenverbrauchs. Falls es also sehr viel Wind gibt, geht der Strompreis gegen Null. Der vom deutschen Verbraucher hoch subventionierte Strom wird dann verschenkt. Den überschüssigen Strom müssen wir ja irgendwo hinschicken.

Oder speichern? Vielleicht demnächst in den Batterien von Elektroautos?

Zum Beispiel. Ich setze mich seit Jahrzehnten für erneuerbare Energien ein. Aber wir müssen immer berücksichtigen, dass es eine fluktuierende Energie ist. Wenn ich den Strom speichern kann, mache ich einen Riesenschritt. Und mit dem Elektroauto hätte ich einen entsprechenden Speicher, der den Strom auch über Nacht abnimmt. Aber um solche Punkte zu klären, brauchen wir eine energiepolitische Gesamtstrategie in Deutschland und aus meiner Sicht auch ein Energieministerium.

Rund 70 Prozent der Investitionen von RWE Innogy gehen in Windkraft. Was macht den Rest aus?

Wir treiben den Ausbau der Bereiche Biomasse und Wasserkraft aktiv voran und widmen auch neuen Technologien, wie Gezeiten- und Wellenkraftwerken oder Geothermie besondere Aufmerksamkeit.

Woher stammt die Biomasse?

Dafür gibt es zwei Quellen. Zum einen Resthölzer aus forstwirtschaftlichen Maßnahmen. Wir haben ein Abkommen mit dem Land NRW, damit aus den Staatsforsten Baumkronen, Äste und Reisig in unsere Biomasseheizkraftwerke kommen. Zweitens legen wir eigene Mutterquartiere für Energieholzplantagen an, zum Beispiel in Brandenburg.

Was wird da angebaut?

Schnell wachsende Hölzer, also Pappeln, Weiden und Robinien. Die werden nach dem ersten Jahr gekappt und vegetativ vermehrt, sodass man in drei Jahren den Ertrag vervielfacht. Und dann wollen wir diese Energieholzplantagen in anderen Regionen anlegen, die sich besser eignen, zum Beispiel in Ungarn und Rumänien. Das, was wir jetzt begonnen haben, wird nach sieben Jahren rund 100 000 Tonnen Biomasse pro Jahr bringen. Solange brauchen die Pflanzen. Und in Osteuropa gibt es viele Flächen, die wir nutzen wollen.

Und da steht dann das Kraftwerk neben der Plantage?

Kann sein, muss aber nicht. Vorstellbar ist auch der Transport über die Donau zu unseren westeuropäischen Kraftwerken. Wir haben uns über unsere Venture-Capital-Aktivitäten an der Entwicklung einer Technologie beteiligt, die aus Biomasse eine Art Biokoks macht. Der Vorteil ist, dass man kein Wasser mehr transportieren muss. Wir können diese Kohle in unseren Biomassekraftwerken verbrennen, aber auch in unseren Kohlekraftwerken.

Das Gespräch führte Alfons Frese

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