Interview : „Wir brauchen ein Schulfach Wirtschaft“

Frederike Roser
Dirk Loerwald
Dirk LoerwaldFoto: privat

Warum gibt es in den Schulen noch kein Fach Wirtschaft oder Finanzen?

Dass ökonomische und finanzielle Bildung heutzutage zur Allgemeinbildung gehört, wird mittlerweile von keiner Seite mehr ernsthaft bestritten. Aber es gibt immer wieder eine Diskussion darüber, wie die Wirtschaftsthemen am besten in den Schulen untergebracht werden sollen. Bisher ist das in den verschiedenen Bundesländern, in den unterschiedlichen Schulformen und je nach Altersstufe sehr unterschiedlich. Die Ausgestaltung und die Fachbezeichnungen der ökonomischen Bildung sind sehr heterogen.

Was heißt das konkret?

Lange gab es ökonomische Bildung nur an den Berufsschulen. Das hat sich mittlerweile geändert, aber in jedem Bundesland ist es anders geregelt. In Niedersachsen gibt es beispielsweise an der Realschule ein Fach Wirtschaft. Nordrhein-Westfalen hat dagegen an vielen Schulformen das Fach Sozialwissenschaften, wo es aber nicht nur um Wirtschaft, sondern auch um viele andere Themenbereiche geht. In Schleswig-Holstein heißt das Wirtschaft/Politik, kurz Wipo, in Bayern Wirtschaft und Recht.

Könnte der Finanzunterricht auch in einem Fach Verbraucherbildung stattfinden, wie Schleswig-Holstein es macht?

Nein, ich halte das nicht für die richtige Lösung. Eine Ideallösung wäre ein eigenes Fach für Wirtschaft, in dem es auch um finanzielle Bildung geht und die ökonomischen Zusammenhänge klar werden. Das sehen Sie gerade am Beispiel Schleswig-Holstein. Dort hat man einfach das Fach Hauswirtschaft in Verbraucherbildung umbenannt. Dadurch fehlen den Lehrkräften dort die ökonomische Kompetenz, die man für Verbraucherbildung braucht. Und in einem solchen Fach hat man nur die Perspektive von Verbrauchern. Aber was ist mit der Perspektive von Unternehmern oder Politikern?

Sollten Banken und Versicherungen denn auch in die Schulen gehen?

Gute Praxiskontakte zwischen Schulen und Unternehmen sind wichtig, damit moderner Wirtschaftsunterricht nicht nur reine Theorie ist.

Ist das nicht eher Werbung als Bildung?

Nein, meine Erfahrung zeigt, dass das die Ausnahme ist. Wir brauchen allerdings fachlich fundiert ausgebildete Lehrer, die im Einzelfall entscheiden können, welches Unterrichtsmaterial sie einsetzen oder ob sie einen Experten einladen. Sie können dann auch korrigierend eingreifen, sollte ein Unternehmer versuchen, die Schüler einseitig zu beeinflussen. Aber nur, wenn es ein entsprechend etabliertes Fach gibt, findet die Lehrerausbildung für Wirtschaftsthemen auch an den Universitäten statt.

Dirk Loerwald (38) ist Professor für ökonomische Bildung an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg und hat in Wirtschaftsdidaktik promoviert. Mit ihm sprach

Frederike Roser.

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