Interview : Wirtschafts-Nobelpreisträger: „Neue Gesetze sind nicht die Lösung“

Der US-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Oliver E. Williamson spricht im Tagesspiegel-Interview über den Kampf gegen die Finanzkrise und die Zukunft des Euro.

Oliver E. Williamson, 77, Wirtschafts-Nobelpreisträger.
Oliver E. Williamson, 77, Wirtschafts-Nobelpreisträger.Foto: AFP

Professor Williamson, die EU und die G-20-Staaten wollen strengere Gesetze, um zukünftige Finanzkrisen zu verhindern. Sind sie auf dem richtigen Weg?

Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, hat vor einiger Zeit gesagt: Wenn eine Bank zu groß ist, um pleitezugehen, ist sie zu groß. Ich halte das für sehr zutreffend. Ich bin daher überrascht, dass bei dem Vorhaben, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen, die Struktur des Bankensektors nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt. Dieser Punkt ist sehr wichtig.

Einige Akteure auf dem Finanzmarkt waren gar nicht reguliert, etwa Hedgefonds.

Gut. Vielleicht kann man einige Korrekturen vornehmen. Aber der Vorstellung, dass mehr Regulierung besser ist als weniger, sollten wir mit großer Vorsicht begegnen. An der Debatte sollten sich mehr Leute beteiligen, die etwas von Organisationen verstehen und wie sie funktionieren. Es geht nicht einfach um Regulierung, sondern um gute Regulierung. An schlecht gemachten Gesetzen hat es ja in den USA viel Kritik gegeben. Da gibt es Leute mit wirtschaftlichem Interesse und großem Einfluss auf die Regulierung.

Vor allem Regierungen in Europa streben aber nach raschem Handeln, nachdem die Krise für die Steuerzahler sehr teuer war.

Sie war es auch deshalb, weil einige Aufsichtsbehörden ihren Job nicht gemacht haben. Doch soll die Antwort darauf sein, jetzt mehr Regulierung einzuführen? Wer sagt uns, dass wir es dieses Mal richtig machen? Was ist die Basis dafür? Mehr Regulierung erweckt den Anschein, dass die Regierung etwas tut. Die Politik steht ja unter Druck, sie muss zeigen, dass sie die Sache im Griff hat. Vielleicht sorgen neue Gesetze dafür, dass die Probleme für zwei oder fünf Jahre aufgeschoben sind. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt Leute, die Regulierungen umgehen, das hat zu den Problemen geführt, die es nun in Griechenland gibt. Man schafft neue Gesetze in dem Irrglauben, dass Leute sie ernst nehmen und im gewünschten Sinne umsetzen. Aber es gibt Grund zu der Annahme, dass der Mensch von Natur aus nicht so funktioniert, dass es eine große Vielfalt gibt und dass viele die Regulierung vereinfachen wollen. Mehr Verlässlichkeit der Daten und mehr Verantwortungsgefühl bei allen wären sicherlich schön. Aber es ist nicht realistisch.

Sie glauben also, Regierungen verstehen nicht wirklich, welche Folgen neue Gesetze haben werden?

Sich einfach auf neue Gesetze zu verlassen kann gefährlich sein. Anzunehmen, dass es funktioniert, garantiert nicht, dass es funktionieren wird. Leider hat die Regulierung nicht so funktioniert, wie es geplant war, sie war handwerklich schlecht, es mangelte an Personal, sie wurde von den Entwicklungen überholt. Als Antwort auf die Krise Gesetz um Gesetz zu erlassen, kann nicht die Lösung sein. Es gibt zu wenig Wissen darüber, wie Regulierung wirkt. Wir sollten mehr Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, als jeden Tag neue Vorschläge zu machen.

Heißt das, dass Marktversagen für Sie nicht der Auslöser der Krise gewesen ist?

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Ronald Coase hat schon in den 1960er Jahren herausgefunden, dass es umfangreiche Literatur über Marktversagen gibt. Entsprechend breite Literatur über Staatsversagen oder Regulierungsversagen gibt es dagegen nicht. Das gilt meiner Ansicht nach bis heute. Wir haben gut gemeinte Gesetze, aber ohne das Wissen darum, dass sie Gefahren mit sich bringen. Wir sollten vorsichtiger sein bei der Einführung neuer Regulierung. Vielleicht übersteigen die zukünftigen Gewinne die Kosten, vielleicht aber auch nicht.

Welche Zukunft hat der Euro?

Ich wünsche ihm alles Gute. Die Zusammenarbeit in der EU wird besser werden. Zugleich zeigen viele Mitgliedsländer, dass sie eine unterschiedliche Geschichte und Institutionen haben, eine andere Einstellung zu Gesetzen und ihrer Durchsetzung. Diese Vielfalt lässt sich nicht ohne Weiteres zusammenbringen. Das war von Beginn an ein großes Problem.

Wird es den Euro 2020 noch geben?

Ich schätze, dass die EU aus der Krise lernen und bessere Sicherheitsmechanismen einziehen wird gegen die Abweichungen von den Spielregeln. Die Krise bietet viele Lehren für die Zukunft. Europa hat eine Menge Arbeit vor sich.

Oliver E. Williamson (77) aus den USA bekam 2009 den Wirtschafts-Nobelpreis zusammen mit der Ökonomin Elinor Ostrom. Zuletzt lehrte er an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Gerade hielt er eine Vorlesung an der European School of Management and Technology in Berlin. Williamson forscht über die Bedeutung von Institutionen, Regeln und Organisationen für die Wirtschaft. Er erklärte, warum es Unternehmen gibt – wann also Transaktionen in einer Firma stattfinden und wann sie über den Markt abgewickelt werden. Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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