Interview zum Piloten-Streik : "Das Kräftemessen muss ein Ende haben"

Fairplane-Geschäftsführer Sernetz im Interview: Verhärtete Fronten und Negativ-Schlagzeilen bei Lufthansa. Vor allem Geschäftsreisende wenden sich von Lufthansa ab.

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Geschäftsführer von Fairplane: Andreas Sernetz.
Geschäftsführer von Fairplane: Andreas Sernetz.Foto: promo

Es ist der 13. Streik der Lufthansa-Piloten. Der Konflikt eskaliert und fügt dem Image der Lufthansa weiteren Schaden zu. Andreas Sernetz ist Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherschutz-Plattform Fairplane, die sich um Ansprüche von Passagieren kümmert. Der 39-Jährige kennt die Branche sehr genau. Mit Sernetz hat unser Frankfurter Korrespondent Rolf Obertreis gesprochen. 

Wir erleben innerhalb von eineinhalb Jahren den 13. Pilotenstreik bei der Lufthansa. Sind die Fronten festgefahren? Wie kann der Konflikt noch gelöst werden?

Sernetz: Der neuerliche Streik zeigt sehr deutlich, dass es auf beiden Seiten praktisch keinen Bewegungsspielraum mehr gibt. Ich kann mir derzeit nur schwer vorstellen wie Lufthansa und Piloten noch auf aufeinander zugehen können, nachdem jetzt schon so viele Versuche gescheitert sind.

Können sich beide Seiten überhaupt noch alleine bewegen oder Bedarf es der Hilfe von außen?

Ein unabhängiger Schlichter würde in diesem Streit sehr viel Sinn machen. Nur so kann es zu einer Lösung kommen. Beide Seiten alleine vor sich hin wurschteln zu lassen wird nichts bringen.

Wie bewerten Sie das Verhalten auf beiden Seiten, also bei der Vereinigung Cockpit wie auch beim Lufthansa-Vorstand?

Ich verstehe zum Teil die Forderungen der Piloten wie aber auch klar ist, dass die Lufthansa auf die Billigflieger reagieren muss. Es muss um nachhaltiges Wachstum auch im Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland gehen. Und nicht um die Gehälter oder die Vorruhestandsregelung irgendwelcher Berufsgruppen. Das Kräftemessen muss ein Ende haben.

 

Sie kennen die Branche sehr gut. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Lufthansa?

Die Lufthansa hat durch die Streiks aber jetzt auch durch die Einführung der Buchungsgebühr von 16 Euro für Reisebüros und für Buchungsportale seit Monaten viele negative Schlagzeilen. Auch ein großer Konzern mit einer tollen Marke kann sich all dies auf Dauer nicht leisten. Die Lufthansa steht für zuverlässig und für faire Preise und nicht für teuer und unzuverlässig, wie es derzeit oft der Fall ist. Das ist gerade auch problematisch im Hinblick auf Geschäftsreisende, mit denen die Lufthansa den größten Teil ihres Geldes verdient. Die Marke Lufthansa hat in den letzten Monaten sehr gelitten. Dabei hat auch der Vorstand Fehler gemacht.

 

Wie soll die Lufthansa auf die Billiganbieter reagieren? Ist das Konzept mit Eurowings richtig?

Das Konzept ist gut, vielleicht kommt es sogar zu spät. Aber die Frage ist, wie man Eurowings im Konzern umsetzt. Es ginge bestimmt konfliktfreier.

 

Haben sich Beschwerden bei Fairplane über Lufthansa seit April 2014 gehäuft?

Die Beschwerden häufen sich. Zum einen von Reisebüros, die Schwierigkeiten mit Umbuchungen und Stornierungen haben, weil die entsprechenden Stellen bei Lufthansa komplett überlastet sind. Für die Reisebüros ist das teuer. Aber auch viele Passagiere kommen zu uns wegen möglicher Entschädigungen. Der Bundesgerichtshof (BGH) untersagt zwar Entschädigungen, weil ein Streik ein außergewöhnlicher Umstand sei. Aber wenn innerhalb eines Jahres 14 Mal gestreikt wird, ist das nicht mehr außergewöhnlich. Deshalb gehen unsere Anwälte gegen das BGH-Urteil vor.

 

Haben Sie eine Übersicht wie viele Passagiere seit April 2014 von den Streiks betroffen waren und wie viele Flüge ausgefallen sind?

Bis zum aktuellen Streik sind etwa 9.300 Flüge ausgefallen, rund eine Million Passagiere waren betroffen.

 

Haben Sie Anhaltspunkte dafür, dass Passagiere ihr Buchungsverhalten ändern und Lufthansa mittlerweile meiden?

Reisebüros wenden sich auch wegen der neuen Buchungsgebühr immer mehr von Lufthansa ab. Reiseplanung vor allem bei Geschäftsreisenden darf kein Glücksspiel sein.

 

Wenn ja, wie lange lassen sich Streiks aus Sicht des Managements noch durchhalten?

Das schwierig zu sagen. Aber schauen Sie sich die Konkurrenz an. Ryanair fliegt jetzt auch innerdeutsch, auch Easyjet. Und  alle großen europäischen Airlines wie Air France oder Iberia haben gut funktionierende Billig-Ableger. Der Heimatmarkt von Lufthansa wird immer stärker angegriffen.

 

VC lässt durchblicken, dass sie noch bis Weihnachten jede Woche streiken könnten. Halten Sie das für realistisch?

Das wäre eine Katastrophe und ein irreparabler Schaden. Passagiere, die mehrfach auf andere Airlines wechseln mussten, wird man nur schwer wieder zurück gewinnen.

 

Welche Rechte und Möglichkeiten haben Passagiere, wenn ihr Flug wegen des Streiks tatsächlich ausfällt? Kommt Lufthansa den Passagieren entgegen?

Passagiere haben bei Verspätungen Anrecht auf Betreuung am Flughafen, also Getränke und Essen, und bei längerer Wartezeit auch Anspruch auf ein Hotelzimmer. Das gilt auch bei Streiks. Entschädigungen bei Streiks lehnt der BGH derzeit ab, aber dieses Urteil wird sicher überprüft. Lufthansa selbst ist angesichts der vielen Streiks mit diesen Situationen vertraut, informiert frühzeitig, bucht um oder verweist auf andere Verkehrsmittel, so dass sich das Chaos in Grenzen hält. Auch die Passagiere haben gelernt. Generell können bestreikte Flüge sofort storniert werden und man bekommt das Geld zurück. Lufthansa hat mittlerweile aus 13 Streiks gelernt. Was tragisch genug ist.

 Über Fairplane

Fairplane setzt sich für die Rechte von Flugpassagieren ein, die von Flugausfällen, Verspätungen und Überbuchungen betroffen sind und bei denen sich Fluggesellschaften weigern, Entschädigungen zu zahlen. In 85 Prozent der Fälle agiert Fairplane nach eigenen Angaben erfolgreich, dabei berechnet das 2011 gegründete Unternehmen ein Erfolgshonorar von maximal 24,5 Prozent. Bisher habe man 320.000 Passagieren helfen können. Der 39jährige Österreicher Andreas Sernetz ist Gründer und Geschäftsführer von Fairplane.

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