Wirtschaft : Investieren am Polarkreis

JOBST-HINRICH WISKOW

BERLIN .Die Reise dürfte beschwerlich sein: Wer sich auf den Weg nach Ewenkien macht, muß für den Flug von Moskau nach Krasnojarsk mit vier Stunden rechnen, weitere zwei Flugstunden liegen zwischen dort und Tura, der Hauptstadt der russischen Region Ewenkien.Besucher finden sich jetzt in einer kalten Winterlandschaft wieder: Seit August schneit es, es herrschen minus 30 Grad.

Trotz dieser ungünstigen Bedingungen will Ewenkien Besucher anlocken - allen voran Investoren.Denn das Gebiet in der Arktis ist außerordentlich rohstoffreich: Erdöl offenbar höchster Qualität und Gold, Lithium und Diamanten finden sich als Bodenschätze.Es fehlt nur am notwendigen Kapital, die Reichtümer hervorzuholen.Bis Sonnabend wirbt eine Delegation aus der autonomen Region in Berlin um Investoren für ihre Heimat.Mit dabei ist der stellvertretende Gouverneur Ewenkiens, Guennady Drouzhinin, der den Vorteil einer autonomen Region vorstellt: Sie kann sich eigene Steuergesetze geben und Betrieben Abgaben erlassen.

Die rund 24 000 Bewohner des Gebiets, das doppelt so groß ist wie Deutschland, leben nach Auskunft Drouzhinins in Armut.Noch seien sie auf Gelder aus Moskau angewiesen und auf Hilfslieferungen, die auch aus Deutschland kommen.Aber das werde sich, so der stellvertretende Gouverneur am Freitag, schleunigst ändern.Immerhin verfüge die Region über die Kontrolle der Bodenschätze."Wir können die Konzessionen vergeben" - und Geld einnehmen.Viel wichtiger seien die Wirkungen, die sich mit Geduld ergeben dürften: neue Arbeitsplätze.Aber warum gerade das abgelegene Euwenkien wählen? "Bei uns kennt man sich, es gibt nur wenige Entscheider, nichts muß über Moskau laufen", wirbt Drouzhinin.

Er berichtet über den ersten Erfolg der Suche: Eine erste Tranche in Höhe von zehn Mill.DM sei für dieses Jahr sicher - von privaten Investoren, "aber nicht von deutschen Banken".Mehr will der Vertraute des Gouverneurs von Krasnojarsk, Alexander Lebed, jetzt nicht sagen.Klar ist nur, daß er bald nach Kanada reisen werde."Aber wir haben traditionelle Beziehungen nach Deutschland, außerdem habe ich deutsche Vorfahren", sagt Drouzhinin.Von kanadischen Unternehmen wollen die Russen sich abgucken, wie sie die sozialen und technischen Probleme des Rohstoffabbaus lösen.

"Wir haben in Rußland viele Fehler gemacht, vor allem durch den Raubbau an der Natur", sagt er.Noch sei die Landschaft unberührt.Den Nachfahren wollten sie eine saubere Natur hinterlassen - freilich eine, die im Einklang mit einer entwickelten Industrie stehe.Deren Absatzmärkte lägen übrigens keinesfalls Richtung Westen, sondern Richtung Osten - vor allem im nahen China.

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