Wirtschaft : Investition in Ostdeutschland - nein danke?

HEIKE JAHBERG

Was zwei Berliner bei ihremVersuch erlebten, ein Sport-Center in der Stadt Neubrandenburg aufzubauen.VON HEIKE JAHBERG

Dies ist die Geschichte von einem, der auszog, eineInvestition zu tätigen.Heute ist Lutz Hübener mit seinem Projekt zwarnicht viel weiter, dafür aber um einige Erfahrungen reicher.Nachvergeblichem Klinkenputzen bei den Banken, die ihm bei der Beschaffung vonoeffentlichen Fördergeldern helfen sollten, zieht der Berliner einebittere Konsequenz: "Für einen Ostler ist es fast unmöglich, einen Kreditzu bekommen". Dabei ist Hübener kein Anfänger.Als Betreiber eines Reifendienstesin Berlin hat er bereits unternehmerische Erfahrungen gesammelt.Mit seinerjüngsten Geschäftsidee wollte er nun den Vogel abschießen: InNeubrandenburg, tief im deutschen Osten, wollte der Berliner für seinenSohn ein Sport-Center aufbauen.Nicht irgendeine kleine Klitsche, sondernKart-Bahn, Squash-Courts, Billiardtische sowie Cafe unter einem Dach.Auchdie passende Halle war schnell gefunden, mit riesigen 6000 Quadratmetern"so groß wie der Alex".Der Mietvertrag ist inzwischen unterschriftsreif,der Vermieter drängt auf eine Antwort.Doch noch wissen Hübener und seinPartner Christian Uhlisch nicht, ob sie das nötige Kapital für ihr "Kart-und Freizeitcenter B96" aufbringen werden.Zwar stehen öffentlicheFörderprogramme und -mittel zur Verfügung, doch bislang ist keine Bankbereit, den Kontakt zur Deutschen Ausgleichsbank, Herrin über dieöffentlichen ERP-Darlehen, zu vermitteln. Denn Investoren, so wollen es die Regeln, können sich nicht direkt an die"Staatsbank" wenden.Wer ein zinsverbilligtes ERP-Existenzgründerdarlehenoder Unterstützung aus dem ERP-Eigenkapitalhilfeprogramm beantragen will,braucht dazu eine ganz normale Geschäftsbank.Die Hausbank prüft dieBonität des Antragstellers, untersucht das Projekt und entscheidet dann,ob das Vorhaben förderungswürdig ist oder nicht.Da bei denExistenzgründerdarlehen letztlich die Hausbank das Risiko trägt, folgtdie Ausgleichsbank der Einschätzung.Anders bei der Eigenkapitalhilfe:Hier steht die Förderbank in der Haftung und behält sich daher letztlichdie Entscheidung vor. "Die Ausgleichsbank sagt, gehen Sie zu einer Bank.Aber geht man,interessiert sich dort niemand für einen", berichtet Uhlisch.Dabei habensie es in Neubrandenburg überall versucht - doch weder Deutsche Bank,Dresdner, Commerzbank noch die Sparkasse hatten ein offenes Ohr für sie.Könnte es am Konzept gelegen haben? "Nein", sagen die Berliner, das seivon Unternehmensberatern abgesegnet.Auch an der Kreditsumme dürfte esnicht gelegen haben.Mit einer Gesamtsumme von 400000 DM handelt es sichbei dem Sport-Center um ein überschaubares Vorhaben, zudem ist einangemessener Eigenkapitalanteil gesichert.Die Zurückhaltung der Bankenhat nach Meinung der Investoren einen völlig anderen Hintergrund: DerPlatzhirsch in Neubrandenburg, Betreiber einer auch mit Hilfe der Bankenerbauten Freiluft-Kart-Bahn, soll vor Konkurrenz geschützt werden.Zudembringe die Bearbeitung des Darlehensantrags an die Ausgleichsbank denGeldhäusern zu wenig ein. Auf Bankenseite zeigt man sich verwundert.Zwar werden die Kreditinstitutebei der Vermittlung öffentlicher Darlehen mit einer Marge von einemProzent eher kärglich entlohnt, räumt man bei Commerzbank und DeutscherBank übereinstimmend ein, doch zahle sich das Geschäft auf lange Sichtaus.Die Bank, die bei der Existenzgründung von Anfang an dabei sei,begleite den Kunden dann auch später."Wir sehen es gern, wenn jemandERP-Darlehen beantragt", betont Gunter Knorr von der Deutschen Bank.Und:Wenn sich das eine Haus weigere, dann gehe der Kunde halt zur Konkurrenz.Eine Einschätzung, die zumindest Uhlisch und Hübener nicht teilendürften. Die in Bonn häufig geführte Klage über den Aufschwung Ost, der nicht sorecht in Gang kommen will, und brach liegende Fördergelder klingt in denOhren der Berliner wie blanker Zynismus.Tatsache ist: Im Ostgeschäftherrscht Flaute.Hatte die Deutsche Ausgleichsbank für ihrExistenzgründerprogramm in den neuen Ländern 1995 immerhin Zusagen über2,1 Mrd.DM gegeben, waren es im vergangenen Jahr nur noch 1,3 Mrd.DM.Auch das Eigenkapitalhilfeprogramm wurde weit weniger genutzt.Von 12000Zusagen mit einem Volumen von insgesamt 2,1 Mrd.DM im Jahr 1995 blieben imvergangenen Jahr im Osten nur noch 8300 Zusagen mit einem Volumen von 1,5Mrd.DM.Nach Meinung der Ausgleichsbank liegt das vor allem an derschlechten Konjunktur.Zudem sei inzwischen eine gewisse Sättigungeingetreten. Doch vielleicht fließen öffentliche Gelder auch deshalb nicht ab, weilmancher Antrag auf der Strecke bleibt.Neubrandenburg war einst einesozialistische Musterstadt.Wohnkolosse auf den umliegenden Hügelndokumentierten das rasante Wachstum.Die SED-Bezirksleitung, dieBezirksleitungen des FDGB, der FDJ und der Blockparteien sammelten sichhier, die Nationale Volksarmee zog in die Kasernen und errichtete eines dergrößten Panzerreparaturwerke Europas.Heute kämpft Neubrandenburg mitzweistelligen Arbeitslosenquoten.In der Provinzhauptstadt weiß die Jugendnicht, ob sie überhaupt eine Zukunft hat.Auch die Gegenwart ist düster."Um acht werden da die Bürgersteige hochgeklappt", sagt Christian Uhlisch.Daß ihre In-Door-Kart-Bahn in der Amüsierwüste ankommen wird, steht fürden Versicherungsvertreter außer Frage.Immerhin soll sich die Jugend aucheinmal im Monat zur Disco in der Halle treffen können. Wie es weitergeht, steht in den Sternen.Nach der Schlappe vor Ort sind dieInvestoren nun im Gespräch mit einem Berliner Geldhaus.Doch selbst wennsie hier grünes Licht bekommen, drängt die Zeit: "Bis die ganze Sacheabgewickelt ist, vergehen Monate", heißt es in Bankenkreisen.OST-TRISTESSE: Kann eine Kart-Bahn helfen, Schwung in die NeubrandenburgerPlattensiedlungen (hier das Wohnsilo Datzeberg) zu bringen?

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar