Investitionen : Lieber Peking als Paris

China wird in diesem Jahr Westeuropa als Top-Adresse für deutsche Investitionen ablösen. Und nicht nur in China, überall in der Welt investiert die deutsche Industrie im großen Stil – in diesem Jahr wird es nach Ansicht des DIHK so viel sein wie noch nie.

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Vor Ort. Deutsche Firmen produzieren immer häufiger dort, wo ihre Absatzmärkte liegen, zum Beispiel Wacker Chemie in Zhangijagang (China).
Vor Ort. Deutsche Firmen produzieren immer häufiger dort, wo ihre Absatzmärkte liegen, zum Beispiel Wacker Chemie in Zhangijagang...Foto: dpa

Berlin - Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr in China so viel Geld investieren wie in keinem anderen Land der Welt. Erstmals werde in die Volksrepublik mehr Kapital fließen als nach Westeuropa, prognostizierte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Mittwoch in Berlin auf der Basis einer Unternehmensumfrage. Umgekehrt nimmt auch das Engagement Chinas in der Bundesrepublik zu. Bisher seien stets die Amerikaner die Nummer eins bei den Investitionen gewesen, nun nähmen die Chinesen diesen Platz ein, sagte Michael Pfeiffer, Chef der Gesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI), die für die Bundesrepublik im Ausland wirbt.

Nicht nur in China, überall in der Welt investiert die deutsche Industrie im großen Stil – in diesem Jahr wird es nach Ansicht des DIHK so viel sein wie noch nie. Rund 100 Milliarden Euro könnten ins Ausland fließen – der Kapitalstock deutscher Firmen im Ausland wird bislang auf 850 Milliarden geschätzt. Insgesamt beschäftigen Firmen mit einer maßgeblichen deutschen Beteiligung weltweit 5,8 Millionen Menschen. Dies gehe allerdings nicht zu Lasten der Beschäftigung im Inland, befand der Verband. „Die Industrieunternehmen, die 2011 im Ausland investieren, schaffen auch in Deutschland rund 60 000 neue Arbeitsplätze“, sagte Volker Treier, Außenhandelschef des DIHK. Rechne man den Stellenzuwachs bei industrienahen Dienstleistern mit, steige diese Zahl möglicherweise sogar auf 100 000. „Der starke Internationalisierungskurs geht nicht zu Lasten des Standortes Deutschland“, versicherte er.

China dürfte aber auf Jahre hinaus eine extrem wichtige Rolle für die deutsche Wirtschaft spielen. Derzeit stehe der Binnenkonsum des Landes nur für 40 Prozent der Wirtschaftsleistung – in den USA seien es zeitweise bis zu 73 Prozent gewesen. „In dem Markt schlummert noch ein riesiges Potenzial“, sagte Treier.

Von den 7000 Firmen, die der DIHK kürzlich befragt hat, wollen 44 Prozent mehr Mittel jenseits der Grenze investieren – doppelt so viele wie im Vorjahr. Nur noch neun Prozent planen geringere Auslandsinvestitionen. Meist kommen die Unternehmen, die sich für den Rest der Welt interessieren, aus dem Autobau, aber auch Chemie, Elektrotechnik und Maschinenbau spielen eine wichtige Rolle.

Dabei geben die Unternehmen als wichtigsten Beweggrund für den Kauf einer Firma oder den Bau einer Fabrik im Ausland an, dass sie nah am Kunden sein wollen. Nur 22 Prozent der Manager gaben an, dass die günstigere Produktion im Ausland die wichtigste Rolle spiele. 2003, als die Wirtschaft zu hohe Kosten und die ihrer Ansicht nach mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands beklagte, lag dieser Wert in den Umfragen noch bei 43 Prozent.

Umgekehrt gelingt es der Agentur GTAI, immer mehr ausländische Investoren nach Deutschland zu locken. Nach 91 Projekten im vergangenen Jahr könnten es in diesem Jahr rund 100 werden, sagte GTAI-Chef Pfeiffer. „Wir sind in Europa der beste Standort“, sagte er. Seinen Angaben zufolge betreut die GTAI ein Viertel aller ausländischen Investoren, der Rest, Großkonzerne etwa, bedürfe keiner Hilfe. Im vergangenen Jahr seien vor allem Projekte rund um die erneuerbaren Energien erfolgreich gewesen. Es gehe allerdings in erster Linie um den Mittelstand; die Ansiedlung großer Werke hierzulande sei eher die Ausnahme.

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