Investment-Banker : "Das große Misstrauen schwindet langsam"

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, über die Finanzkrise, den Ölmarkt - und sein Gehalt.

Stefan Kaiser,Moritz Döbler

Herr Dibelius, verkörpern Sie das Monster, vor dem der Bundespräsident warnt?

Vor einem Jahr bin ich noch als Heuschrecke bezeichnet worden, jetzt bin ich ein Teil des Monsters. Das ist eine interessante zoologische Metamorphose. Aber Spaß beiseite. Solche Vergleiche sind nicht zielführend. Ich verstehe das Unverständnis der Öffentlichkeit für den Finanzmarkt. Ich verstehe auch, dass Politiker vereinfachen und zu wenig differenzierten Beurteilungen kommen müssen. Das ist ihr Geschäft. Ich beklage mich nicht.

Herr Köhler ist vom Fach – er war Direktor des Internationalen Währungsfonds.

Ich schätze Herrn Köhler sehr. Inzwischen ist er aber auch Politiker. Der Bundespräsident ist mitten in einem Prozess, in dem er sich um politische und parteipolitische Zustimmung bemüht. Ich kann das verstehen und fühle mich nicht beleidigt.

Der Kern seiner Kritik zielt ja darauf, dass es an dem Finanzmarkt an Regeln und Transparenz fehlt. Was ist da dran?

Auf einem Markt mit unterschiedlichsten Spielern, Instrumenten und Regionen kann man keine 100-prozentige Transparenz herstellen. Das geht nur auf weniger komplexen Märkten mit wenigen Teilnehmern. Solche oligopolistisch strukturierte Märkte sind zwar transparenter, dafür aber weniger stabil, weil die Risiken nicht so breit verteilt werden können.

Das heißt, es muss sich gar nichts ändern?

Doch, in einigen Bereichen. In den USA sind Menschen Immobilienkredite teilweise regelrecht aufgeschwatzt worden, die sich diese eigentlich nicht leisten konnten. Das ist letztlich eine Frage des Verbraucherschutzes. Zweitens kann man darüber nachdenken, welche zentralen Risikomanagementinstrumente eine Bank vorhalten sollte. Es darf nicht sein, dass man bestimmte Risiken einfach aus der Bilanz ausgliedern kann, ohne das damit verbundene Risiko zu berücksichtigen. Und drittens sollte man überlegen, wie man die Vermögenswerte und die damit verbundenen Risiken in den Bankbilanzen richtig bewertet beziehungsweise abbildet. Ich bin allerdings gegen den Reflex, für jedes Problem sofort ein neues Gesetz zu schaffen. Wenn wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben wollen und nicht in einer regulierten Planwirtschaft, dann müssen wir akzeptieren, dass es immer wieder krisenhafte Zuspitzungen geben wird, ob im Finanz- oder Unternehmenssektor. Wir hatten gerade sieben relativ krisenfreie Jahre, und das war ja eigentlich großartig.

Die nächste Krise kommt bestimmt?

Menschen haben Schwierigkeiten, in Diskontinuitäten zu denken. Das ist einfach so. In der Internethysterie haben alle darauf gesetzt, dass es immer weiter nach oben geht. Aber irgendwann ging es nicht mehr. In der jetzigen Finanzkrise war es ähnlich. Als Nächstes könnte beispielsweise der Immobilienmarkt in Dubai in Schwierigkeiten geraten. Bevor die Hochhäuser fertig gebaut sind, sind die Wohnungen schon drei Mal verkauft worden – immer zu einem höheren Preis. Kaum einer fragt sich, wer denn da eigentlich langfristig wohnen soll. Exponentielle Entwicklungen können sich nirgendwo unendlich fortsetzen – nicht einmal in der Biologie. Eine Bakterienkultur wächst zunächst exponentiell, doch irgendwann sind die Nährstoffe zu Ende. Dann fressen sich die Bakterien selbst, oder sie sterben alle ab.

Ist die Finanzkrise ausgestanden?

Das große Misstrauen zwischen den Banken schwindet langsam. Wir werden sicher noch einige Quartale mit erheblichen Belastungen erleben. Zu Goldman Sachs kann ich natürlich nichts sagen – wir legen den nächsten Zwischenbericht am 17. Juni vor. Aber meiner persönlichen Ansicht nach steht die Branche am Anfang vom Ende der Krise. Trotzdem müssen die Verluste und die sich daraus ergebenden Eigenkapitalverluste ja erst noch verdaut werden. Das wird vor allem über Kapitalerhöhungen geschehen. Erst wenn das Kapitalloch wieder aufgefüllt ist, wird die Krise endgültig bewältigt sein.

Weltweit steigen die Rohstoffpreise rasant – auch weil spekulative Finanzgeschäfte dahinterstecken. Goldman Sachs ist dabei einer der Marktführer. Sehen Sie ein moralisches Problem, wenn dadurch die Nahrungsmittel knapp und teuer werden?

Da würden Sie Goldman Sachs und auch jede andere Finanzinstitution in ihrem Einfluss bei Weitem überschätzen. Zu Grunde liegt nicht die Spekulation, sondern die Einschätzung eines fundamentalen Ungleichgewichts von Energieangebot und -nachfrage. Das ist mit entsprechenden Preissteigerungen verbunden – auch bei nachwachsenden Rohstoffen. Aber da ist ja noch lange kein stabiler Zustand erreicht. Das wird sich über Jahrzehnte einpegeln müssen.

Funktioniert der Ölmarkt?

Der Ölmarkt funktioniert. Angebot und Nachfrage bilden einen Preis. Aber es gibt einen sehr liquiden Futures-Markt, an dem die Einschätzungen der Zukunft gehandelt werden. Die können richtig oder falsch sein, und sie können stark schwanken.

Wären die G-8-Staats- und Regierungschefs also schlecht beraten, sich des Ölpreises bei ihrem nächsten Treffen gesondert anzunehmen?

Wer in den Preisfindungsmechanismus am Ölmarkt eingreifen will, verabschiedet sich von der Marktwirtschaft. Die Regierungen könnten darüber nachdenken, im Rahmen eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses bestimmten Bevölkerungsgruppen zu helfen, die unter der Inflation bei Verbrauchsgütern besonders leiden. Aus meiner Sicht wären subventionierte Sozialtarife für Bedürftige oder verminderte Mehrwertsteuersätze denkbar. Im Rahmen einer sozialen Marktwirtschaft kann die Solidargemeinschaft solche Maßnahmen ergreifen. Ich warne aber davor, in den grundsätzlichen Preisfindungsmechanismus einzugreifen.

Sie gelten als größter Strippenzieher für Fusionen und Übernahmen, haben Daimler und Chrysler, Vodafone und Mannesmann zusammengebracht …

Wir sind keine Strippenzieher, sondern Dienstleister für unsere Klienten. Kein Investmentbanker läuft mit einer Blaupause für die deutsche Industrie durch die Gegend und sagt den Firmen, wen sie zu kaufen haben. Sie sollten die strategischen Fähigkeiten der Unternehmen und ihrer Manager nicht unterschätzen.

Ist die Zeit der ganz großen Deals vorbei?

Das sehe ich nicht. Im Gegenteil. Im Jahr 2007 war das Niveau unserer Transaktionen so hoch wie im Jahr 2000. Natürlich spielen Kapitalmarktveränderungen für die Transaktionsbereitschaft eines Unternehmens eine wichtige Rolle.

In der deutschen Bankenbranche zeichnet sich eine große Fusion oder Übernahme ab. Die Postbank steht zum Verkauf, die Dresdner Bank verhandelt mit der Commerzbank. Wäre eine zweite deutsche Großbank neben der Deutschen Bank erstrebenswert?

Ein zweiter starker Anbieter im Markt ist immer erstrebenswert. Aber es ist zweitrangig, ob es sich dabei um eine deutsche oder eine ausländische Bank handelt. Die Grenzen sind hier ja inzwischen auch fließend. Worauf es ankommt, ist, dass die Bank groß genug ist, um aufgrund ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft weltweit im Wettbewerb zu bestehen. Deswegen wäre es schon gut, wenn es mehrere große Institute gäbe.

In keiner anderen Branche wird so viel Geld verdient wie im Investmentbanking – wenn die Zeiten gut sind. Rechnen Sie damit, dass Sie persönlich im Krisenjahr 2008 weniger bekommen als 2007?

Wahrscheinlich schon. Wir haben ja einen relativ hohen variablen Anteil in unserer Bezahlung, und es liegen sehr gute Jahre hinter uns. Es ist aber auch nicht so, dass Investmentbanker direkt am Gewinn beteiligt werden. Man schaut immer, wie Goldman Sachs war und welchen Beitrag ein Geschäftsbereich und die daran beteiligten Personen geleistet haben. Daraus ergibt sich die Bezahlung. Da ich Realist bin, gehe ich davon aus, dass es weniger werden wird.

Das Interview führten Stefan Kaiser und Moritz Döbler.

Alexander Dibelius (47) hat als Deutschland- Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs zahlreiche Milliardengeschäfte begleitet, darunter die inzwischen rückgängig gemachte Daimler-Chrysler-Fusion und der Verkauf von Mannesmann an Vodafone.

Vorgezeichnet war der Weg in die Geldbranche nicht. Nach einem Einser-Abitur studierte er Medizin und machte erst als Herzchirurg Karriere, bevor er zur Unternehmensberatung McKinsey und nur wenig später zu Goldman Sachs wechselte. Es gibt wenige in Deutschland, die in Politik und Wirtschaft so gut vernetzt sind wie er. In München hat der Millionenverdiener die herrschaftliche Villa von Thomas Mann („Die Poschi“) als seine Privatresidenz wieder auferstehen lassen.

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