IPv6-Tag : Abgehängt im Internet

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland scheuen sich davor, auf den neuen Standard IPv6 umzustellen. Das hat nicht nur finanzielle Gründe.

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Neue Verbindungen. An diesem Mittwoch testen deutsche Unternehmen die neue Architektur des Internets. Asien ist da schon weiter.
Neue Verbindungen. An diesem Mittwoch testen deutsche Unternehmen die neue Architektur des Internets. Asien ist da schon weiter.Foto: dapd

Alles ist endlich. Auch 4,3 Milliarden IP-Adressen, ohne die der Austausch von Daten im Internet nicht funktionieren würde, sind irgendwann vergeben. Der Vorrat an den sogenannten IPv4-Adressen in Asien ist beispielsweise schon aufgebraucht. In Europa wird es voraussichtlich im August dieses Jahres soweit sein. Das ist für alle Nutzer des Internets ein Problem – auch für Unternehmen. Denn ohne neue Adressen kann das Internet nicht mehr wachsen, neue Anwendungen sind nicht mehr möglich. Produkte wie intelligente Stromzähler oder Kühlschränke sind nur denkbar, wenn sie sich über das Internet vernetzen können. Abhilfe soll deshalb der neue Standard in Form des Internetprotokolls 6 (IPv6) schaffen, der die schier unerschöpfliche Menge von 340 Sextillionen IP-Adressen schafft.

Obwohl die Internetwirtschaft nach eigenen Angaben mittlerweile ein Viertel zum deutschen Wachstum beiträgt, zögern Unternehmen mit der Umstellung auf den neuen Standard. Der Anteil des mit IPv6 abgewickelten Datenverkehrs beträgt dem Branchenverband Eco zufolge weltweit knapp fünf Prozent – die Nutzer sitzen vor allem in Asien. In Deutschland sind es 0,2 Prozent. „Im Augenblick gibt es noch so eine Art Pakt mit dem Teufel“, sagt Wolfgang Dorst, Softwareexperte beim IT-Verband Bitkom. Viele Unternehmen verließen sich zu sehr darauf, dass die übliche Praxis gegen den Mangel noch lange funktionieren werde: Weil es zu wenige Adressen für alle Geräte gibt, aber nicht immer alle Geräte gleichzeitig online sind, bekommen sie bei jeder Einwahl ins Netz eine andere Adresse zugewiesen. „Aber in nicht allzu ferner Zukunft kommen wir an den Punkt, wo auch dieses dynamische Verfahren nicht mehr ausreicht.“

Zum internationalen IPv6-Launch-Tag wollen an diesem Mittwoch mehr als 1400 Unternehmen ihre Web-Angebote daher auf den neuen Adressenstandard IPv6 umstellen, so dass diese mit dem neuen wie auch weiter dem alten Standard IPv4 erreichbar sind. Dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen das Thema bislang kaum verfolgen, liegt aber wohl nicht ausschließlich an dem genannten „Teufelspakt“. Die Umstellung auf den neuen Standard birgt Risiken, finanziell und technisch. Fachleute halten sie für ähnlich aufwendig wie die Vorbereitung der Unternehmens-IT auf das Jahr-2000-Problem. „Wenn alle Systeme auf dem aktuellen Stand der Technik sind, dürfte man mit wenigen Mann-Tagen auskommen“, sagt Gert Döring, IPv6-Spezialist von der Firma SpaceNet. Das sind einige tausend Euro, die vor allem kleine Unternehmen gerne sparen. Teurer wird der Wechsel, wenn die Firewall oder einer der Server nicht mit dem neuen Standard klarkommt und ausgetauscht werden muss.

Diese Problematik sieht auch Christoph Meinel, Vorsitzender des deutschen IPv6-Rates, der sich für die schnelle und reibungslose Einführung des neuen Standards einsetzt. „Unternehmen müssen mit der Einführung von IPv6 ihre IT- und Sicherheitsstruktur neu regeln. Dabei stoßen sie schon oft an die Grenzen ihrer Fähigkeiten.“

Die Firmen spielen den Ball zurück an die Internetanbieter. So beteiligt sich etwa die Deutsche Telekom am IPv6-Tag, startet mit ihrem Angebot für den neuen Standard voraussichtlich aber nicht vor Ende des Jahres. „Solange dem Kleinunternehmer niemand eine mundgerechte Lösung serviert, wird er auch nicht umstellen“, sagt Michael Eggers, ITK-Bundesbeauftragter der mittelständischen Wirtschaft. Zum einen gebe es derzeit keinen Handlungsdruck für die meisten Unternehmen. Zum anderen könnten Anbieter wie die Telekom derzeit offenbar mehr Geld mit dem Thema Cloud-Computing, also dem Verkauf von Speicherplatz auf zentralen Servern, verdienen. Michael Rotert, Chef des Internetverbands Eco, kann diese Argumentation zumindest in Teilen nachvollziehen. „Bei den meisten Unternehmen ist es nicht der Kostenfaktor, sondern sie sind zu bequem, um auf den neuen Standard umzustellen.“ Der Bitkom ist aber zuversichtlich, dass deutsche Unternehmen den Rückstand, den sie international haben, bald aufholen werden. „Wenn sie dem chinesischen Partner keine Mail mehr schicken können, weil dieser umgestellt hat, wird es ganz schnell gehen“, sagt Wolfgang Dorst.

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