Wirtschaft : Irakis lassen sich ihre Coca-Cola nicht nehmen

Berühmte amerikanische Marken bleiben trotz der Verachtung für die Amerikaner beliebt – das gefällt nicht allen

Hugh Pope[Bagdad]

In einem engen Geschäft im Herzen des Bagdader Bazars verkauft Thamer Mohammed Zigaretten der Marke Kent. Aber sagen Sie ihm bloß nicht, dass die irgend etwas mit Amerika zu tun hätten. „Wenn ich wüsste, dass diese Kents die echten wären, würde ich sie auf der Stelle verbrennen“, sagt Herr Mohammed. „Die Kents, die ich verkaufe, sind nachgemacht, zu 100 Prozent nachgemacht. Sie sind aus Zypern oder auf einem Schiff hergestellt“, sagt er.

Nichts zeigt die Hassliebe der Iraker zu den Amerikanern mehr, als ihre Einstellung zu berühmten amerikanischen Markenprodukten. Wo auch immer die Kents herkommen mögen – und fast alle sind echt –, Marketing-Experten sagen, Produkte wie Kent-Zigaretten seien so fest etabliert, dass sogar in Zeiten eines verstärkten Anti-Amerikanismus die Iraker immer noch an den Kents hängen, von den Marlboros ganz zu schweigen.

Viele Iraker geben Washington die Schuld an den UN-Sanktionen, die, wie sie sagen, die Ursache für Armut, Krankheit und Tod sind, die den Irak in den vergangenen zwölf Jahren, seit dem Golf-Krieg 1991, heimgesucht haben. „Es ist nicht wahr, dass der Durchschnittsaraber die Amerikaner hasst. Er mag den amerikanischen Handel, den Individualismus, die Werte und den Lebensstil“, sagt Moin Koury, der Eigentümer von Adpro, der Tochtergesellschaft der pan-arabischen Werbeagentur Impact/BBDO in Jordanien, einem Nachbarstaat des Irak. „Die Araber wissen nicht, wie sie die Amerikaner bestrafen sollen. Also trinken sie keine Coca-Cola mehr oder hören auf, Marlboro zu rauchen – für einen Tag oder vielleicht einen Monat“, sagt Koury. „Aber Marlboro-Zigaretten sind einfach Teil unseres Lebens geworden.“

Im Luxushotel Sheraton in Bagdad will der Manager Sajd Abd al-Latif nichts von einer etwaigen Kooperation mit der gleichnamigen amerikanischen Hotelkette nach Aufhebung der Sanktionen wissen. „Wir haben die Ärmel hochgekrempelt, hart gearbeitet und gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Die Amerikaner haben unser Land ruiniert. Wenn es nach mir ginge, bräuchten die Sheraton- Manager nicht zurückzukommen“, sagt der Hotelmanager. Trotzdem hat man an dem amerikanischen Namen festgehalten, der die Fassade des Grandhotels am Fluss Tigris nach wie vor schmückt. Eine exakte Kopie des berühmten Sheraton- „S“ in seinem Lorbeerkranz wird als Logo gedruckt und alte Aufkleber an der gläsernen Eingangstür sind liebevoll bewahrt worden. „Die Menschen lieben einfach den Namen“, sagt Abd al-Latif.

Im Sommer hat ein inoffizieller Boykott, mit dem die arabische Welt auf die amerikanische Unterstützung der israelischen Aktionen gegen die Palästinenser reagierte, den Verkauf amerikanischer Produkte stark nach unten gedrückt. Gleichzeitig drängte neue Konkurrenz auf den Markt wie die saudi-arabische Mecca-Cola. Im Oktober habe sich der Umsatz aber wieder normalisiert, sagen führende amerikanische Unternehmen im Nahen Osten.

Ein Grund sind die großen Werbekampagnen, die zeigen sollen, was für ein großer arabischer Anteil in vielen vermeintlich rein „amerikanischen“ Markenprodukten steckt. Ein anderer Grund ist, dass die US-Marken nach wie vor verlockend sind.

Ein amerikanisches Image verleiht vielen arabischen Unternehmen Glanz. Im irakischen Ferntaxi-Gewerbe würde zum Beispiel niemand sein Geschäft ohne einen großen, glänzenden GMC oder Chevrolet Suburban vor der Tür betreiben. Und selbst der beliebte Fernsehsender von Präsident Saddam Husseins Sohn Uday zeigt überwiegend amerikanische Filme.

„Ich werde nie vergessen, was die Amerikaner uns angetan haben. Also habe ich für mich die Entscheidung getroffen, keine amerikanischen Produkte zu kaufen“, sagt dagegen der Geschäftsmann Haidar al-Nabhan. Wegen der Sanktionen der Vereinten Nationen wurden die meisten Büros ausländischer Fluggesellschaften in einem Gebäude, das seiner Familie gehört, zur Schließung gezwungen. Und darum hat der arabische Geschäftsmann es nun in ein Hotel umgebaut.

„Mein Hemd ist aus der Türkei, meine Hosen sind aus Thailand, ich fahre einen alten, deutschen BMW, und ich habe mich gerade daran gewöhnt, französische Zigaretten zu rauchen“, sagt Haider al-Nabhan.

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Musik), Svenja Weidenfeld (Irak), Karen Wientgen (Chirac), Christian Frobenius (Steuer) und Matthias Petermann ( EU).

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