Wirtschaft : Irmgard Düren

Geb. 1930

Lothar Heinke

Liebe Zuschauer, dies war meine letzte Sendung, ich verabschiede mich. Ihr geschah tatsächlich mal das Schrecklichste, was man sich in ihrem Job vorstellen kann: Ihre Sendung begann, und sie, die Moderatorin, war nicht dabei. Also: Es ist Sonntag um vier, die Leute sitzen bei Kaffee und Kuchen, der Fernseher läuft, und gleich muss sie kommen – Irmgard Düren. „Irmchen“ lächelt sie alle an, erzählt mit ihrer dunklen, sinnlichen Stimme Anekdoten, übermittelt Grüße und Glückwünsche und leitet zu Einspielfilmchen über, die sich die Zuschauer gewünscht haben. „Wünsch dir was!“ im DDR-Fernsehen war so beliebt, dass die Sendung erst alle vier Wochen, dann alle 14 Tage und schließlich jede Woche ausgestrahlt wurde. Die Moderatorin war beliebt, sie bekam tausende Briefe zugesandt, Lebensgeschichten, auch mal einen Nussknacker oder ein Paket Hallorenkugeln, sie war „Fernsehliebling“. Damals, in den siebziger Jahren.

Aber dies eine Mal passiert es: Die Sendung muss ohne sie beginnen. Die Wege zur Live-Übertragung am Rennsteig sind verschneit, da ist kein Durchkommen. Kollegen übernehmen die Ansage – und sie grüßen die Wunsch-Frau selbst, „in welchem Dorfgasthaus auch immer sie uns jetzt zusieht“.

Kurz nach dem Krieg hat Lucie Höflich, die berühmte Schauspielerin, der jungen Irmgard Stimmbegabung und Schauspieltalent bescheinigt; auf der Schweriner Schauspielschule traf sie jenen Fred Düren, der später ein Star am Deutschen Theater wurde, aber die Ehe dauerte nicht lang. Nach Theaterengagements in Ludwigslust, Wismar und Schwerin war sich die Schauspielerin der Wirkung ihrer samtenen Stimme vollends bewusst: Über den Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig kam sie nach Berlin, machte Radio und Fernsehen und stand beim Kabarett „Die Distel“, beim Friedrichstadtpalast und bei der Komischen Oper auch noch auf der Bühne. Vorm Mauerbau lernte sie den Betriebsarzt des Fernsehfunks lieben. Er wohnte in West-Berlin. Seit dem 13. August 1961 waren die Wege nach Westend mit Stacheldraht versperrt, da der Arzt aber weiter in Ost-Berlin praktizieren konnte, blieb die Beziehung noch eine Weile bestehen. Etliche ihrer Kollegen, darunter Karl-Eduard von Schnitzler ließen sich durch Irmgard Dürens Vermittlung mit West-Medikamenten versorgen.

Die Stasi beobachtete den kleinen Grenzverkehr mit Argwohn, „die Düren“ blieb arglos. Sie machte ihre Sendungen, im Radio jeden Freitag „Muße, Muse und Musik“ mit eigenen Texten, sie spielte im Fernseh-Faust mit, war die Musette in der Bohème, sprach die Dunja im Postmeister und die Carmen in Curt Götz’ „Dr.med. Hiob Prätorius“.

Eines Abends, es muss Ende der siebziger Jahre gewesen sein, drückte ihr der Fernseh-Regisseur einen Zettel in die Hand, den sollte sie am Ende von „Wünsch dir was“ vorlesen: „Meine lieben Zuschauer, dies war meine letzte Sendung, ich verabschiede mich nun von Ihnen“. Es war zu Ende, und keiner wusste so recht, warum. Lag es am Lebenswandel dieser lebenslustigen Frau, die ihrer Crew nach jeder Sendung Sekt spendierte? War es ihre Schwärmerei für einen westflüchtigen Liedermacher? Jedenfalls wurden Gerüchte gestreut: Die Düren mache eine Entziehungskur. Die Düren nehme Drogen. Die Düren sei an der Grenze geschnappt worden. Nichts davon war wahr. Aus ihrer dicken Stasi- Akte erfuhr sie später, dass es den Verdacht gab, sie würde spionieren.

Irmgard Düren kämpfte. Sie wollte im Palast der Republik arbeiten, aber durfte nicht. Sie studierte Philosophie, machte das Diplom. Schließlich richtete man ihr im Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof ein kleines Rundfunkstudio ein. Da stellte sie das Musikprogramm zusammen und erzählte den Kunden mit ihrer einschmeichelnden Stimme, was sie kaufen sollten.

Irgendwann kam das Asthma, dann das Rheuma. Vier Mal wurden neue Hüftgelenke implantiert. Von der Intensivstation gab es schließlich kein Zurück an den heimischen Fernsehapparat. Vor dem hat sie sich gerne an die alte Zeit erinnert.

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