Wirtschaft : Ist das Unternehmen den großen Veränderungen gewachsen? (Kommentar)

Antje Sirleschtov

Die Bewag steht am Wendepunkt. Eben war sie noch lokaler Monopolist im Berliner Stromgeschäft und zugleich krisensichere Anlage für die Aktionäre, jetzt steht der Berliner Energieversorger vor der Aufgabe, sich in kürzester Zeit in einen effizienten Marktteilnehmer zu wandeln. Die Geschwindigkeit der Liberalisierung der deutschen Stromwirtschaft drängt zur Eile - und bringt zusätzlichen Druck in das ohnehin notwendige Bewag-Umbauprogramm. Zuerst gilt es, mit den Problemen der Gegenwart umzugehen. Denn mittlerweile wirbt die Konkurrenz im Bewag-Markt und nagt am Umsatz des Lokalmatadors. Gleichzeitig sinken die Preise - und damit müssen die Kosten im Unternehmen fallen. Der Vorstand muss kompromisslos Personal abbauen und die Aufwendungen zusammenstreichen.

Das allein ist für die Bewag schon ein anspruchsvolles Programm. Darüber hinaus gilt es jedoch, rasch belastbare Strukturen für die Zukunft aufzubauen. Die Verteidigung des Heimatmarktes durch die Schaffung eines vielseitigen Angebotes war nur der Anfang. Jetzt müssen - fast über Nacht - einige 1000 Bewag-Mitarbeiter, die jahrzehntelang in menschlichen Versorger-Einheiten gedacht haben, in freundlichen Kontakt zu Kunden in der ganzen Bundesrepublik treten. Eine Anforderung, der nicht allein mit Weiterbildungs-Programmen Genüge getan ist. Das gesamte Traditionsunternehmen Bewag wird dabei vom Kopf auf die Füße gestellt.

Ob Bewag-Chef Dietmar Winje und sein Management der zweifellos schweren Aufgabe gewachsen sein werden, entscheidet letztlich darüber, welche Rolle der Berliner Versorger künftig im europäischen Strommarkt spielen wird. Die Anteilseigner werden ihr Kapital, wenn sich die Eigentumsverhältnisse der deutschen Strom-Unternehmen in den kommenden Monaten ändern, nur in strategisch günstige Investments lenken. Nur wenn die Bewag dazu gehört, wird sie ihre jetzt noch gute Marktposition behaupten können.

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