Istanbul : Berufseinstieg am Bosporus

Sieben Berliner mit türkischen Wurzeln absolvieren ein Praktikum in Istanbul. Die Einzelhandels-Azubis haben mit Vorurteilen zu kämpfen – und der Sprache.

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An ihr erstes Praktikum hat Pinar Candan keine sonderlich guten Erinnerungen. In einem Berliner „Real“-Markt der Metro-Gruppe „durfte ich nur Paletten anpacken“, erzählt die 22-Jährige, die vom Bildungswerk Kreuzberg (BWK) zur Einzelhandelskauffrau ausgebildet wird. Ganz anders verläuft das Auslandspraktikum, das die türkischstämmige Berlinerin gerade bei Real in Istanbul absolviert: „Hier habe ich viel mehr gelernt, man fühlt sich ernster genommen.“ Die Kollegen behandelten sie wie eine Auszubildende der eigenen Firma, zeigten ihr alle Abläufe und Abteilungen und ließen die Praktikantin sogar Geld zählen – ein Vertrauensbeweis. „Später werde ich vielleicht in der Türkei arbeiten“, sagt Pinar Candan, ihre Eltern seien sehr stolz.

Insgesamt sieben 19- bis 24-Jährige aus türkischen Berliner Familien absolvieren seit Anfang Juli siebenwöchige Praktika in Istanbul. Im September 2009 hatte das Bildungswerk die „bilinguale Handelsausbildung“ für sozial benachteiligte junge Leute gestartet. Eine zweite Gruppe aus elf Teilnehmern verschiedener Nationalitäten reiste nach England. Als Partnerunternehmen gewannen BWK-Chef Nihat Sorgec und seine Mitarbeiter die Metro-Gruppe (Saturn, Media Markt, Real, Cash & Carry).

Er selbst sei „in geregelten Gastarbeiter-Verhältnissen aufgewachsen“, sagt Sorgec, der auch Vizepräsident der Türkisch-Deutschen IHK ist. Heute seien Eltern mit Migrationshintergrund leider „oft keine Vorbilder“ mehr und lebten von Zuwendungen. „Wir wollen die Jugendlichen motivieren und aus der Lethargie herausholen.“ Die Zweisprachigkeit und die doppelte kulturelle Identität als Deutscher und Türke sollten „als Bereicherung angesehen und gefördert werden“.

Allerdings mussten fast alle Praktikanten feststellen, dass sie die Muttersprache ihrer Eltern nicht genügend beherrschen. Sie waren es gewohnt, teils Deutsch und teils Türkisch zu sprechen. „Zu Hause werden fehlende Worte durch einen Mischmasch ersetzt“, sagt der junge Kreuzberger Muhammed Akkurt. Doch in der Türkei funktionierte dies nicht, und er musste seinen Wortschatz für die Arbeit im Istanbuler Saturn-Elektronikmarkt rasch erweitern.

Auch Onur Engin hatte es dort anfangs schwer: „Ich war zurückhaltend im Verkauf, mir fehlten die Fachbegriffe“, sagt der 22-Jährige. Doch er gab sich Mühe und ist nun „selbst erstaunt“ darüber, wie gut er Kunden auf Türkisch beraten kann. Anders als viele Verkäufer der Saturn-Filiale spricht Engin auch Englisch, was sich bei ausländischen Kunden bereits auszahlte und ihm Respekt verschaffte.

Deutsch-Türken haben laut Nihat Sorgec nicht den besten Ruf in der Türkei, als Gastarbeiter oder deren Nachkommen müssen sie auch dort mit Vorurteilen rechnen. Aber die Azubis profitierten davon, dass sie zuerst Praktika bei Läden der Metro-Gruppe in Berlin gemacht hatten. Prompt wurde ihnen „deutsche Disziplin“ attestiert und Verantwortung übertragen. Und nach der dreijährigen Lehre werden sie eine abgeschlossene Berufsausbildung besitzen, was in der Türkei eher selten ist. „Meine Kollegen im Markt haben Fachkenntnisse, aber keine Ausbildung“, sagt Muhammed Akkurt.

Da Metro in der Türkei expandiert und in der größten Istanbuler Einkaufsstraße Taksim bald einen neuen Saturn-Markt eröffnen will, gibt es berufliche Chancen. Eray Yildirim, Verkaufsleiter der ersten Filiale, und andere Manager bremsten die Hoffnungen aber etwas: Man sei zwar sehr zufrieden mit den Praktikanten, kenne sie aber doch erst seit kurzem.

Bei dem Projekt kooperiert das BWK mit dem Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg, das die Azubis auswählte, und der Berufsschule OSZ Handel I in Kreuzberg. Fördermittel kommen aus dem Bundesprogramm „Xenos – Integration und Vielfalt“, das vom Bundesarbeitsministerium und dem Europäischen Sozialfonds finanziert wird. Beteiligt ist auch die Industrie- und Handelskammer Berlin, die Ausbildungsstätten im Handel anerkennen muss. Ursprünglich war IHK-Ausbildungsberaterin Regina Lüsch skeptisch: Sie fürchtete, die Hauptschüler würden von der Handelskaufmannslehre „überfordert“, zumal diese „sehr theorieintensiv“ sei. Jetzt aber überzeugte sie sich in Istanbul vom souveränen Auftreten der jungen Leute und war beeindruckt.

Konrad Tack, Geschäftsführer im Jobcenter Neukölln, plant nach gleichem Muster nun auch Umschulungen für über 25-Jährige zu Einzelhandelskaufleuten sowie Hotel- und Restaurantfachleuten. Der Aufwand lohne sich, selbst wenn manche Teilnehmer letztlich vielleicht nicht in Deutschland, sondern in der Türkei arbeiten werden. Es gehe darum, sie „von der Straße zu holen“ – und der Staat spare Sozialleistungen.

Für Hotelfachleute vermittelt das Bildungswerk bereits seit vier Jahren Praktika in Antalya. Dabei gab es Startprobleme, weil Hoteliers manche Praktikanten nur als billige Arbeitskräfte betrachteten und in überhitzten engen Unterkünften einquartierten. Auch in Istanbul lief nicht gleich alles rund: Der Vermieter einer Gemeinschaftswohnung ließ sich nicht blicken, und niemand holte die Gruppe am Flughafen ab. Immerhin fand die mitgereiste Betreuerin bald ein Ersatzquartier. 2011 werden die Azubis noch einmal für Praktika an den Bosporus reisen, außerdem gibt dort dann eine neue Gruppe ihr Debüt. Die „Xenos“-Fördermittel laufen 2012 aus, das BWK hofft jedoch auf eine Anschlussfinanzierung.

Informationen des Bildungswerks: www.bwk-berlin.de

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