IT-Branche : Chiphersteller haben Konjunktur

Lange sah es düster aus für die Halbleiterbranche, doch jetzt ziehen die Bestellungen wieder an. Es gibt erste Lieferengpässe.

Joachim Hofer
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Gefragte Scheibe: Die Nachfrage nach Chips ist groß. Weil sich die Wirtschaft allmählich wieder erholt und wieder mehr Waren...ddp

München - Drei Jahre lang hat der Speicherchip-Produzent Micron hohe Verluste eingefahren. Jetzt haben die Amerikaner zum ersten Mal wieder schwarze Zahlen vorgelegt. Das am 3. Dezember zu Ende gegangene erste Quartal des Geschäftsjahres schloss der Konzern mit einem Gewinn von 204 Millionen Euro ab. Im selben Zeitraum des Vorjahres war noch ein Verlust von 718 Millionen Dollar aufgelaufen. Der Umsatz ist von 1,4 Milliarden Dollar auf 1,74 Milliarden geklettert.

Micron ist kein Einzelfall. Nach dem Absturz zu Jahresbeginn erholt sich die Halbleiterbranche in diesen Tagen überraschend schnell. Seit März wachsen die Umsätze wieder von Quartal zu Quartal. Noch im Frühjahr hatten die Marktforscher von i-Suppli einen Umsatzeinbruch der Industrie von einem Fünftel vorhergesagt. Doch es ist nicht so schlimm gekommen. Am Ende seien die Erlöse im Vergleich zu 2008 lediglich um 11,4 Prozent auf 226 Milliarden Dollar gefallen, haben die Marktforscher von Gartner jetzt ausgerechnet. „Die Erholung wird das gesamte erste Quartal hindurch anhalten“, ist sich Rick Clemmer, Chef des niederländischen Halbleiterherstellers NXP, sicher. Ähnlich optimistisch ist Jean- François Fau, Europachef von Texas Instruments: „Wir haben genügend Fahrt aufgenommen, um bis Ende März durchzukommen.“ Die meisten Bestellungen kämen aus China, heißt es in diesen Tagen bei den Chipfirmen. Dort griffen die staatlichen Konjunkturprogramme am stärksten, auch der private Konsum entwickle sich positiv.

Der Aufschwung stützt sich auf verschiedene Pfeiler. Zunächst ist im Frühjahr der Computerabsatz wieder angezogen. Später kamen die Handyhersteller und dann die Autoindustrie als Auftraggeber zurück. „Es sind die Konsumenten, die für den Umsatz sorgen“, heißt es bei den Elektronikspezialisten von Gartner.

Trotz der ermutigenden Zeichen ist von Euphorie nichts zu spüren. „Alle fragen sich, wie dauerhaft die Erholung ist“, sagt NXP-Chef Clemmer. Über das erste Quartal hinaus sei keine Prognose möglich, warnt der Amerikaner. „Momentan läuft das Geschäft ganz gut“, berichtete auch Infineons Finanzvorstand Marco Schröter jüngst im „Handelsblatt“-Interview. Doch auch Schröter ist zurückhaltend: „Wir sollten die nächsten zwei, drei Quartale abwarten, bis wir genauer wissen, wohin die Reise geht.“

In diesen Tagen kommen viele Halbleiteranbieter mit der Lieferung nicht nach. Doch das sagt nicht viel: Viele Kunden bestellen gleich über zwei Kanäle, weil sie unbedingt sichergehen wollen, an die Ware zu kommen. Einerseits direkt beim Hersteller, andererseits bei Händlern. Auf diese Weise ist schon öfter in der Branche eine Blase entstanden, die nach ihrem Platzen zu einem abrupten Umsatzeinbruch geführt hat. Zuletzt ist dies am Ende des Internet-Booms 2001 passiert. Von solchen Risiken lassen sich die Anleger jedoch nicht abschrecken. Sie sehen vor allem die positiven Zeichen – und werden darin von Analysten bestärkt. Die Micron-Zahlen hätten die Erwartungen haushoch übertroffen, so Analyst Vijay Rakesh von Think Equity. Fachleute hatten mit einem deutlich geringeren Überschuss und Umsatz gerechnet. Seit Jahresbeginn hat sich der Aktienkurs von Micron bereits mehr als verdreifacht.

Erst Anfang vergangener Woche hatte auch Infineon, der zweitgrößte europäische Chipproduzent, seine Prognose für das laufende Quartal angehoben. Der Aktienkurs der ehemaligen Siemens-Sparte ist seit seinem Tiefpunkt im Frühjahr um mehr als das Zehnfache gestiegen. Am letzten Handelstag vor Weihnachten notierte die Aktie bei rund 3,80 Euro. Die Analysten von Unicredit gehen davon aus, dass die Papiere noch bis auf 4,10 Euro klettern werden. Independent Research rechnet sogar mit einem Kurs von 4,40 Euro.

Micron-Chef Steve Appleton sieht keine Gefahr, dass die Industrie im Überschwang des Erfolgs zu viele Chips produziert. Weltweit werde derzeit kein einziges neues Werk fertiggestellt. „Da gibt es nirgendwo große Kapazitäten, die auf den Markt kommen könnten“, so Appleton. Darauf deuten auch die Umsätze der Equipment-Lieferanten hin. Laut Gartner haben die Hersteller im zu Ende gehenden Jahr 43 Prozent weniger Geld in neue Maschinen gesteckt als 2008. Erst 2010 würden die Anbieter wieder investieren.

Für einige Anbieter kommt die Erholung aber zu spät. Im Frühjahr musste die Infineon-Tochter Qimonda angesichts horrender Verluste Insolvenz anmelden, die Firma wird gerade abgewickelt. Tausende hoch spezialisierte Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren, besonders betroffen waren der Fertigungsstandort Dresden und die Zentrale in München. In den USA hat der Chipproduzent Spansion Gläubigerschutz beantragt.

Doch auch die Anbieter, die überlebt haben, mussten Federn lassen. Fast alle haben Personal abgebaut und Fabriken dicht gemacht. Beispiel NXP: Die ehemalige Philips-Sparte hat in Deutschland 800 von ehemals 2500 Stellen gestrichen und einen Teil der Fertigung in Hamburg eingestellt. Bei Infineon sind 3000 Jobs weggefallen. Positiver Effekt der Sparmaßnahmen: Die Konzerne erzielen jetzt mit wesentlich weniger Umsatz einen Gewinn und können deshalb weitere Rückschläge besser verkraften. HB

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