Wirtschaft : IT-Industrie: Kommentar: Reanimationsversuch einer Legende

Henrik Mortsiefer

Von einer "Zeit besonderer Herausforderungen für die IT-Industrie" sprach Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina am Dienstag, als sie die Fusion mit dem Computerhersteller Compaq bekannt gab. Die Top-Managerin mit dem Hang zu großen Worten beschrieb ungewöhnlich zurückhaltend, was die meisten Beobachter als die bisher schwerste Krise der Computer-Industrie bezeichnen. Preiskrieg, Investitionsstau, Börsencrash, Massenentlassungen - Fiorina weiß natürlich, dass auch die Silicon-Valley-Legende Hewlett-Packard davon betroffen ist. Und zwar schlimmer als die ärgsten Konkurrenten IBM, Dell und Sun, denen es besser gelungen ist, mit den Marktverhältnissen zurecht zu kommen. Der HP-Gewinn ist um fast 90 Prozent eingebrochen, der Umsatz ist rückläufig, sechs Mal hat Fiorina in diesem Jahr schon vor enttäuschenden Zahlen gewarnt und die Erwartungen der Märkte enttäuscht. Zuletzt kippte die Stimmung: Die laut "Fortune" einflussreichste Frau in der US-Wirtschaft geriet ins Kreuzfeuer der Analysten und Medien. Es musste also dringend etwas geschehen.

Fiorina präsentierte die Fusion mit Compaq als unternehmerischen Coup in der Tradition des "HP-Way". Der überraschende Zusammenschluss soll wieder Leben in die Garage bringen, in der Firmengründer Bill Hewlett und Dave Packard Ende der 30er Jahre angefangen haben. Doch die Verschmelzung mit der eigenwilligen Compaq-Kultur gleicht eher einem Wiederbelebungsversuch unter denkbar ungünstigen Umständen. Die neuen Partner werden auf Monate mehr mit sich selbst zu tun haben als mit dem schwierigen Markt.

Compaq hat die Integration der vor drei Jahren erworbenen Digital Equipment praktisch bis heute nicht verdaut und muss sich jetzt zusätzlich HP zuwenden. HP hat nach der missglückten Übernahme des Beratungsgeschäftes von Price Waterhouse Coopers im Jahr 2000 keinen Fuß im lukrativen Beratungs- und Dienstleistungsgeschäft gefasst und macht auch mit Compaq dieses Trauma nicht wett. Verbunden sind die beiden also vor allem durch gemeinsame Probleme. Daraus Kapital zu schlagen, wird die größte Herausforderung der neuen HP-Compaq-Chefin sein. Im Silicon Valley hält man den Atem an.

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