Wirtschaft : Italiens EWU-Teilnahme steht auf dem Spiel

Ökonomen und Politiker beurteilen die Chancen unterschiedlich / Die Börse aber reagiert gelassen auf die Regierungskrise in Rom

MAILAND/BONN (AFP/rtr/dpa).Die italienische Wirtschaftswelt ist in Aufruhr: Nach dem Rücktritt der Regierung unter Ministerpräsident Romano Prodi stellt sich die Frage, ob Italien seinen strikten Euro-Kurs halten kann und im Januar 1999 beim Start der gemeinsamen Währung dabei sein wird.Über die beste Lösung für die Regierungskrise - Neuwahlen oder eine Übergangsregierung - sind die Experten genauso uneinig wie die politischen Parteien.Eines ist für sie aber klar: Die Lösung muß schnell kommen. Prodi selbst bemühte sich am Freitag, die Ängste zu zerstreuen.Die Chancen für eine Teilnahme Italiens an der Europäischen Währungsunion (EWU) seien intakt, sie könnten durch die Regierungskrise nicht zerstört werden, sagte er am Rande des Europarat-Treffens in Straßburg.Für Unruhe sorgte dagegen EU-Finanzkommissar Yves-Thibault de Silguy in Brüssel.Es sei keine gesicherte Tatsache, daß Italien 1999 an der Euroeinführung teilnehmen werde, sagte er."Die politische Ungewißheit hat ihren Preis", warnte de Silguy und drängte, die negativen Folgen der Krise nicht zu unterschätzen.In Deutschland hielten sich die Politiker mit Kommentaren zurück.Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt betonte, er hoffe sehr, daß die neue italienische Regierung bei den Konvergenz-Bemühungen weiterhin erfolgreich sein werde. Ebenso geteilt waren die Urteile deutscher Ökonomen am Freitag.Oscar-Erich Kuntze vom Münchner Ifo-Institut gibt den italienischen Politikern 14 Tage Zeit, eine Lösung zu finden.Wenn die neue Regierung die Kraft habe, die Konsolidierung der Staatsfinanzen und die Rentenreform weiter voranzutreiben, dann blieben die Chancen auf die EWU-Teilnahme gut."Sollte eine labile Regierung gebildet werden, sehe ich schwarz", sagte Kuntze.Die deutliche Verringerung des Haushaltsdefizits sei zwar für dieses Jahr gesichert, nicht aber für das kommende.Dagegen sagte Gerhard Grebe, Chefvolkswirt der Bank Julius Bär in Frankfurt, Italiens Chancen seien zwar deutlich gesunken.Es bleibe aber die Hoffnung auf eine große Koalition, die Prodis Budget durchbringen könne.Nachdem Italien zuletzt einige positive Überraschungen geboten habe, gehe er davon aus, daß das Land auch jetzt auf EU-Kurs bleibe.Eher optimistisch zeigte sich auch Joachim Volz, Europa-Experte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.Außer den Kommunisten seien fast alle Parteien in Rom für Europa und die EWU-Teilnahme. Der italienische Industriellenverband Confindustria forderte denn auch die "schnellstmögliche Verabschiedung" des am Donnerstag am Widerstand der Kommunisten gescheiterten Haushaltsgesetzes.Das Land müsse unwiderruflich auf Europa-Kurs gebracht werden.Auch der Wirtschaftsexperte Mario Baldassari warnte vor einer Dauerkrise."Wenn sie lange anhält, riskieren wir sehr viel." An den Finanzmärkten blieben die Panik-Reaktionen - entgegen den Erwartungen - am Freitag aus.Die Lira behauptete sich in Frankfurt überraschend stabil bei rund 1,013 DM, und an der Aktienbörse in Mailand überwog nach einem schwachen Auftakt wieder die Nachfrage.Analysten verwiesen darauf, daß in- und ausländische Anleger offenbar mit einer schnellen Beilegung der Krise rechnen.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben