ITB-Nachlese : Urlaub machen mit der Gefahr vor Augen

Die Krim ein Urlaubstraum, Haiti die "Seele der Karibik", Gedenken in Ruanda? Wie von Krisen geschüttelte Länder um Touristen werben.

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Karneval ist in Haiti ein mystisches Spektakel und soll zunehmend auch Touristen anziehen.
Karneval ist in Haiti ein mystisches Spektakel und soll zunehmend auch Touristen anziehen.Foto: AFP

Sandstrände in Asien, Fünf- Sterne-Hotels im Orient und atemberaubende Wolkenkratzer in New York locken Jahr für Jahr Veranstalter wie Urlauber unter den Berliner Funkturm. Aber auf der Messe präsentieren sich auch Länder, die es auf der touristischen Landkarte schwer haben oder hatten.

Kateryna Supovych aus Jalta lächelt tapfer, dabei hat die Verkaufsmanagerin von der Krim noch nicht einen Vertrag geschlossen. „Einige Veranstalter haben ihre Verträge gekündigt“, sagt die 23-Jährige leise. Sie hält ein paar Meter vom stolz präsentierten Riesenposter der Maidan-Proteste vor der Kulisse des Schwarzen Meers die Stellung. Sechs Millionen Touristen seien 2013 dort gewesen. „Wie wird es wohl werden?“, fragt sie in die Weite der Halle. Die Tische für Gesprächspartner sind verwaist. Nun ja, normal sei die Situation daheim nicht, „aber es ist sicher“, sagt Kateryna Supovych. In den vergangenen Tagen seien „neue Militärs“ gekommen, aber die würden nach Russland zurückgehen. Einen Krieg werde es auf keinen Fall geben. Für sie ist das „alles politischer Kampf, es wird nicht geschossen“. Sie wundert sich, dass Russlands Präsident Putin Russen auf der Krim beschützen wolle. Sie habe sich auf der autonomen Krim immer wohl gefühlt und wolle nicht zu Russland gehören. Egal, was andere sagten. Ihre Mutter hat sie gewarnt, sie könne nicht wieder heimkommen, falls sie den Flughafen wieder sperren. Sie legt kurz wie erschöpft ihren Kopf in die Hände, dann huscht so etwas wie ein echtes Lachen über ihr Gesicht: „Sollen sie ihn schließen. Dann bleibe ich länger. Berlin ist toll.“

Für die Kolleginnen vom Touristenbüro der Stadt Lviv sind die Fronten klar, Sie machen Witze über Putins angebliche Hilfe für Russen in der Ukraine. „Herr Putin, wir sind Russen, wir leben in Deutschland, stellen Sie sich vor, wir müssen Deutsch sprechen. Bitte retten Sie uns!“ Ausgiebig zitieren Lina Ostapchuk und Lidia Fedchuk ironische Facebook-Einträge. Sie hoffen, dass in den kommenden Monaten wieder Urlauber kommen. Vergangenes Jahr zählte Lviv 1,7 Millionen Touristen, „aber jetzt bleiben selbst die Ukrainer lieber zu Hause oder unterstützen jemanden in Kiew, anstatt in Urlaub zu fahren“, sagt Lina Ostapchuk. Zu ihren Füßen brennt eine Kerze vor einem Plakat mit den Gesichtern der Maidan-Opfer. Lidia Fedchuk hat dort auch protestiert „für meine Rechte und meine Zukunft“. Dreimal vier Tage, wenn es die Schichten erlaubten, erzählt sie strahlend. Und sollte Julia Timoschenko versuchen, wieder an die Macht zu kommen, werde sie wieder dort sein. „Sie ist genau wie Janukowitsch, aber er ist dumm und sie ist clever.“ Auch Ex-Boxweltmeister Witali Klitschko wäre nicht ihr Präsident. Er sei nicht korrupt, denn er habe genug Geld, aber er sei mehr Sportler als Politiker. Zur Krim fehlen ihr vor Ärger fast die Worte. Putin habe kein Recht, in ein souveränes Land einzudringen. Die pro-russischen Proteste: „alles Unsinn“. Die Protestierenden „sind gar keine Ukrainer. Die sind aus nahe gelegenen Städten in Russland hergebracht worden.“ Es gebe Fotos, die das beweisen.

Am anderen Ende der Welt hoffen sie, das Krisenimage bald abschütteln zu können. Haiti ist nach 15 Jahren zurück auf der ITB, bis Ende 2016 will es sich als „Seele der Karibik" zurückmelden – im höherpreisigen Segment. Bis dahin soll das Zimmerangebot von 4500 auf 7000 steigen. Tourismusministerin Stephanie B. Villedrouin hat in Berlin mit den Reiseveranstaltern Tui und DER gesprochen und ein Auge auf Air Berlin geworfen, die regelmäßig in die Dominikanische Republik fliegen. Haiti könnte die Rückkehr europäischer Urlauber über die beliebten Nachbarn gelingen, auch wenn politisch zwischen den Staaten Eiszeit herrscht.

„Mr. Punta Cana“, der Chef des Flughafens der Dominikanischen Republik, ist als Co-Investor für eines der drei Prestigeprojekte an der Südküste von Haiti eingeplant. An einem 26 Kilometer langen Küstenabschnitt sollen mit spanischen Investoren ein internationaler Flugplatz und ein 18-Loch-Golfplatz entstehen, im Norden ein „Kreativdorf“ für die rund 600 000 Kreuzfahrtgäste, die dort Keramik, bunte Metallfiguren und den Rum Barbancourt kaufen sollen. Ärger gibt es um den bisherigen Geheimtipp Ile a Vache, die es in die Strandhitliste von CNN schaffte. Auf der Insel mit 15 000 Einwohnern sollen 2000 Villen entstehen, es gibt Proteste. Maximal 150 Häuser seien betroffen, die Investoren wollten, dass diese Leute bei ihnen arbeiten, versichert die Ministerin. Niemand werde zwangsumgesiedelt. Das Potenzial der Insel sei immens, die 70 Betten der beiden existierenden Hotels viel zu wenig. Der eloquente Chef des Touristenverbands entwirft Rundreisen als „Haitiana Jones Tours“ und witzelt: „In Port- au-Prince zeigen wir den Leuten den Präsidentenpalast.“ Die Gäste staunen, denn die Trümmer des beim Beben eingestürzten Palastes sind geräumt, sie sehen eine Wiese. „Kein Staatsstreich mehr, denn es gibt keinen Palast, um den sie kämpfen können“, lacht Pierre Chauvet über seinen Witz zur politischen Lage. Hilfsorganisationen würden wohl nur vor Entführungen warnen, weil sie so ihre Finanzierung sicherten, mutmaßt er. Chauvet ist überzeugt, dass das Auswärtige Amt bald nicht mehr mahnt: „Von nicht notwendigen Reisen nach Haiti wird abgeraten.“ Das will er vom Botschafter gehört haben. Am Werderschen Markt will das niemand kommentieren. Die Hinweise würden angepasst, sobald sich die Lageeinschätzung ändere. Den Haitianern sind aus der Kammer an ihrem Stand nachts vier Laptops gestohlen worden. Vielleicht sollte man für Berlin eine Reisewarnung aussprechen, witzeln sie. Am Stand ist auch Jaelle Riedl Baker. Ihrer Familie gehört das Hotel Montana mit Blick über Port-au-Prince. Sie ist in Haiti geblieben, nicht zuletzt, weil die Angestellten ihnen nach dem Beben die Treue gehalten haben. Die 30-Jährige verrät einen Grund für die hohen Preise: Wasser und Strom sind Sache der Hoteliers.

Auch die Ruander wissen, was ein schlechtes Image ist. Im 20. Jahr nach dem Völkermord geht das kleine afrikanische Land offensiv mit dem dunklen Erbe um. In den Prospekten ist der Genozid gleich zu Beginn Thema, wenn auch auf teils eigenwillige Art, Bilder der Gedenkstätten fehlen. Da legt man Wert auf Giraffen und Gorillas, immerhin lebt rund die Hälfte all dieser beeindruckenden Primaten in Ruanda. Wer sie sehen will, zahlt mit 750 Dollar auch für deren Schutz. Bilder von Totenschädeln sollen Urlauber wohl nicht abschrecken. „Das Gedenken gehört zu jeder Tour“, sagt Tourismuschef Manzi Kayihura „auch wenn manche so tun wollen, als hätte es das nicht gegeben.“ Allerdings fühle es sich für viele Ruander noch immer so an, als sei es gerade zwei Monate her, sagt Faustin Karasira, der das gemeinsame Ostafrika- Visum verhandelt hat, das sie mit Kenia und Uganda für 100 Dollar anbieten. Es soll mehr internationale Touristen wie Investoren anlocken. Von den 1,17 Millionen Urlaubern 2013 stammten gut 900 000 aus der Region. Das Homosexuellen-Gesetz in Uganda kommentiert Kayihura nicht. In Ruanda gebe es für Schwule aber „überhaupt kein Problem“.

Ein paar Ecken weiter schwitzt der Tourismuschef aus Mali, Moctar Ba. Nicht ein einziger internationaler Veranstalter will sich nach der französischen Intervention gegen die Islamisten und dem Einsatz auch deutscher Soldaten auf das wunderschöne afrikanische Land einlassen. „Wir hoffen, hoffen, hoffen, dass wir zur nächsten Hochsaison im November und Dezember wieder im Geschäft sind“, sagt Ba. Die holländische Reiseführerin Loes Kuijpers hat längst „Heimweh nach Mali“. Sie hat trotz Warnungen der Botschaften bei Geotours in Bamako angeheuert und will Ende März in das afrikanische Land aufbrechen und später eine eigene Agentur aufbauen. Sie ist überzeugt: Nur Richtung Timbuktu sei es noch gefährlich. „Für 1200 Euro die Woche kann man nach Mopti, Djenne, ins Dogon-Land reisen“, sagt Kuijpers. Allerdings werde im Moment wohl keine normale Reiseversicherung eine solche Tour versichern.

Das jüngste Land der Erde ist auf der ITB noch auf der Suche nach einer touristischen Identität. Damen aus Südsudan verteilen stoisch Leinentaschen und Shirts mit der zweiten Strophe der Nationalhymne, in der die Freiheit besungen wird. Das Auswärtige Amt hat da noch Zweifel, es gilt eine Reisewarnung. In der Hauptstadt Juba gebe es Unterkünfte, sagt die eine der beiden Frauen. Dann kramt sie ein Faltblatt über die Tiere heraus. Daneben liegen glänzende Prospekte über die Gorillas in Ruanda.

Die Geschäfte von Sri Lanka brummen derweil. Inzwischen kann man wieder die ganze Insel bereisen, allerdings ist der noch lange nach Ende des Bürgerkrieg gesperrte Norden in den Prospekten ein weißer Fleck. „Nehmen Sie doch die Rundreise hier“, strahlt Riza Badurdeen und bietet eine Tour durch den Süden an. Der Eigner von Mungo Terrain will auch eine Reise in die Ex-Rebellenhochburg Kilinochchi und nach Mullaitivu organisieren, das vor zehn Jahren vom Tsunami quasi weggespült worden war. Im Norden gebe es zwar kaum gute Autos, aber er werde das Problem lösen. Keine Spur mehr von der Nervosität früherer Jahre bei Touren ins Tamilengebiet.

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