Wirtschaft : IWF-Chef drängt EZB zur Zinssenkung

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss nach Ansicht führender Wirtschaftsexperten wegen der schwachen Konjunktur und zunehmender Arbeitslosigkeit bald die Zinsen weiter senken. Der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, sagte in einem "Spiegel"-Interview, er sehe in den Euroländern derzeit keine Inflationsgefahr, "sondern eher eine Rezessionsgefahr". Er sei überzeugt, dass die EZB ihren Spielraum für Zinssenkungen nutzen werde. "Die Krise sollte der politischen und wirtschaftlichen Integration Europas einen Schub geben", sagte Köhler. In dieser Zeit "extremer Unsicherheit erwartet die Welt mit Recht etwas von Europa", erklärte er. Auch US-Wirtschaftsprofessor Rüdiger Dornbusch sprach sich in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", für konsequentere Zinssenkungen in Europa aus. Die EZB hätte angesichts des drohenden Wirtschaftskrise in Euro "viel früher und aggressiver" als bisher die Zinsen senken müssen.

Bundesbankpräsident Ernst Welteke sagte, die Geldpolitik der EZB stehe "der Finanzierung eines stärkeren Wirtschaftswachstums nicht im Wege". Das zeige sich schon daran, dass die EZB in diesem Jahr die Zinsen bereits um einen Prozentpunkt gesenkt habe, erklärte Welteke gegenüber dem TV-Sender "n-tv". Mögliche nachteilige Auswirkungen neuer Zinssenkungen auf die Stabilität dürften aber nicht übersehen werden, schränkt er gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein. "Wir müssen vermeiden, dass sich langfristige Inflationserwartungen aufbauen, weil durch weitere Zinssenkungen möglicherweise die Liquiditätsversorgung zu groß wird".

Kurz vor der Veröffentlichung der offiziellen Arbeitslosenzahlen für Oktober am Dienstag rechnen führende Volkswirte deutscher Großbanken damit, dass es in Deutschland noch in diesem Jahr mehr als vier Millionen Arbeitslose geben werde. Schätzungen zufolge waren im Oktober zwischen 3,7 bis 3,71 Millionen Menschen ohne Arbeit. Das wären 100 000 mehr als im Oktober des vergangenen Jahres und das schlechteste Ergebnis seit 1997.

Der EZB-Rat tagt am kommenden Donnerstag. Vorher, am Dienstag, tagt die US-Notenbank, um über die weitere Zinsentwicklung zu beraten. Sollten die Amerikaner zum dritten Mal nach den Terrorattacken vom 11. September die Zinsen senken, erwarten Experten, dass die Europäer sich anschließen werden. Zuletzt hatte die EZB die Leitzinsen kurz nach den Terroranschlägen zusammen mit der US-Notenbank um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Der wichtigste Zinssatz liegt seither bei 3,75 Prozent.

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