Wirtschaft : IWF: Engagement für die armen Länder

Rolf Obertreis

Es ist sein erster großer Auftritt vor der Weltöffentlichkeit. Bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank schauen die Vertreter der 182 Mitgliedsstaaten sehr genau, wie sich der neue geschäftsführende Direktor des IWF verhält. Als Horst Köhler, der erste Deutsche in diesem Amt, am Sonntagabend zusammen mit dem britischen Finanzminister Gordon Brown die Ergebnisse der Sitzung des Internationalen Währungs- und Finanzausschusses (IMFC) präsentiert, wirkt er hochkonzentriert und angespannt. Aber er ist auch zufrieden. Die erste Sitzung des Gremiums, an der Köhler teilgenommen hat, habe gezeigt, wie professionell im IWF gearbeitet werde. Wichtiger noch ist für den 57jährigen, "das meine wichtigsten Ideen von allen tatkräftig unterstützt werden". Köhler fühlt sich nach seinem Auftritt in Prag gestärkt. Schon am Sonnabend hatte der im polnischen Skierbieszów geborene Finanz- und Währungsexperte dickes Lob von den Finanzministern und Notenbank-Chefs der G 7 erhalten. "Herr Köhler macht einen prima Job", sagte Bundesfinanzminister Hans Eichel.

Dass Köhler mit einem Mal wieder so im Mittelpunkt steht, hätte er selbst vor einigen Jahren am wenigsten gedacht. Nachdem er jahrelang als Finanzstaatssekretär der entscheidende Mann der Regierung Kohl für die Vorbereitung der Weltwirtschaftsgipfel und für die Arbeit in der G 7 war, wollte er es 1993 etwas langsamer angehen lassen. Als Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) war dies zumindest bis 1998 der Fall. Doch im September 1998 rückte er wieder stärker in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Er wurde auf den Präsidenten-Stuhl der Osteuropa-Bank nach London geholt. Als IWF-Chef Michael Camdessus Ende vergangenen Jahres seinen Rückzug ankündigte und die Deutschen einen Kandidaten benennen sollten, dachte zunächst niemand an Köhler. Erst als Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser bei den Amerikanern durchfiel, brachte die Bundesregierung Köhler ins Spiel. Der stets freundlich gestimmte, international erfahrene und als durchsetzungsfähig bekannte Köhler fand in Washington Zustimmung.

Köhler überzeugt beim IWF durch Engagement und Enthusiasmus. Er hat beim IWF für frischen Wind gesorgt. Wenn er in Prag spricht, schwingt Begeisterung mit. Der 57jährige weiß um die Kritik am Währungsfonds. Weil seine Strukturen und Programme immer unübersichtlicher geworden sind, weil er in Krisenfällen oft mit viel zu viel (Steuer-) Geldern um sich geworfen hat statt die Probleme vorher zu erkennen und weil er die Armut in den Entwicklungsländern mit rigiden Kreditauflagen eher verschlimmert hat. Schon vor seinem Amtsantritt am 1. Mai hat Köhler viele Gespräche geführt, um zu verstehen, wie der mitunter träge Apparat mit 2700 Mitarbeitern funktioniert. Mit möglichst vielen Vertretern der 182 Mitgliedsländern hat er gesprochen. Er tourte durch 16 Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika, was Köhler Pluspunkte brachte.

Köhler hat ein klares Bild von dem, was der IWF leisten muss. In allererster Linie soll er sich um die Stabilität des Währungs- und Finanzsystems kümmern: Krisenprävention, Beratung der Mitgliedsländer beim Aufbau solider Finanzstrukturen. Köhler sieht den IWF als Dienstleister für alle Mitglieder. "Ich stehe in Diensten einer Institution, die 182 Mitgliedsländer hat. Und ich fühle mich jedem Mitglied verpflichtet." Köhler plädiert zwar für eine klare Aufgabentrennung von IWF und Weltbank. Aber um die armen Länder soll sich der Fonds weiter kümmern. Auch die Umsetzung der Schuldeninitiative ist für ihn unabdingbar. "Die extremen Ungleichgewichte in der Verteilung der Wohlfahrtsgewinne werden mehr und mehr zu einer Bedrohung der politischen und sozialen Stabilität." Damit liegt er nicht weit entfernt von dem, was Kritiker und Demonstranten in Prag fordern.

Da ist es kein Wunder, dass er mit seinen Ideen zunächst einige große Länder verärgert haben soll. Angeblich auch die Deutschen. In Prag ist davon wenig zu spüren. Köhler hat in Monaten mehr bewegt als sein Vorgänger in Jahren. Aber noch steht er am Anfang. Und in diesen Tagen muss Köhler lernen, dass der Fonds sich nicht ohne weiteres auf Kernaufgaben konzentrieren kann. Dass jetzt auch die Ölpreise zu den Überwachungsaufgaben des IWF gehören, ist nicht nur für Köhler neu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben