Wirtschaft : IWF erwartet starken Aufschwung

Report: Das Weltfinanzsystem ist krisenfest

Peter De Thier

Washington - Das globale Finanzsystem ist heute robuster als zu jedem Zeitpunkt seit dem Kursverfall an den Aktienmärkten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – und das trotz hoher Ölpreise, steigender Zinsen sowie anhaltender geopolitischer Unsicherheiten. In seinem jüngsten Report zur Stabilität des Weltfinanzsystems geht der Internationale Währungsfonds (IWF) davon aus, dass sich der globale Konjunkturaufschwung fortsetzt. Bei der bevorstehenden Jahrestagung des IWF und der Weltbank in Washington soll nach Angaben eines hochrangigen Beamten des Fonds die jüngste Prognose für das Weltwirtschaftswachstum, die für 2004 bisher einen Anstieg der globalen Produktion um 4,6 Prozent unterstellte, sogar deutlich angehoben werden.

Der Aufschwung habe während der vergangenen sechs Monate das Finanzsystem erheblich gestärkt und ein günstiges Umfeld geschaffen für Struktur- und Bankenreformen in Europa und Japan sowie den Schwellenländern, schätzt der IWF. Nach seiner Ansicht hätten eine stärkere Kapitalbasis sowie effektives Risikomanagement während der letzten Rezession die Widerstandsfähigkeit internationaler Banken gegen Konjunktureinbrüche, Zinserhöhungen sowie „systematische Schocks“ erhöht. Abgesehen von isolierten Skandalen gehe die größte Gefahr für die Stabilität des globalen Finanzsystems von der Möglichkeit weiterer Terroranschläge und der damit verbundenen Unsicherheit an den Märkten aus.

Die im Frühjahr von der amerikanischen Notenbank begonnene Zinswende sei mit Gelassenheit aufgenommen worden und hatte keine nennenswerten Auswirkungen auf die Erträge, weil Banken und andere Finanzdienstleister auf den Kurswechsel in Washington vorbereitet waren. Der IWF bescheinigte der US-Notenbank eine deutlich höhere Transparenz und eine effektivere „Kommunikationsstrategie“, die den Weg bereitet habe für den nahtlosen Übergang zu einer Phase höherer Zinsen. Als Kontrast wird in dem Stabilitätsreport die Situation vor genau zehn Jahren hervorgehoben: Als die Währungshüter 1994 mit einer Serie monetärer Straffungen begannen, erwischte dies die Marktteilnehmer, insbesondere Kreditinstitute und Investmenthäuser, auf dem falschen Fuß und sorgte für erhebliche Verunsicherung. Folglich wird nach Einschätzung des IWF auch die nächste Zinserhöhung durch Alan Greenspan und Co., mit der am 21. September gerechnet wird, keine negativen Reaktionen auslösen. Am kommenden Dienstag wird die Notenbank nach Ansicht der meisten Ökonomen die Zielzone für den Tagesgeldsatz erneut um 25 Basispunkte auf 1,75 Prozent anheben. Der Währungsfonds lobt in seinem Bericht die vorsichtige, aber nunmehr voraussehbare Geldpolitik in Washington.

Als Folge der robusten Konjunktur und der nahtlos bewältigten Zinswende sieht der IWF die kurz- und mittelfristigen Risiken für die globale Finanzstabilität als außerordentlich gering an. Für Überraschungen könnten unter anderem unerwartet starke Preissteigerungen sorgen. In diesem Zusammenhang mahnt der Fonds insbesondere wegen der hohen Ölpreise zu erhöhter Wachsamkeit. Als weitere Gefahr nennt der IWF-Bericht die wachsenden globalen Ungleichgewichte. Obwohl die Kapitalzuflüsse in die USA weiterhin stark sind, könnte das hohe amerikanische Außenhandelsdefizit einen abrupten Dollarkursverfall auslösen, der insbesondere bei US-Banken und Finanzdienstleistern mit einem hohen Anteil an Dollaranlagen zu Gewinneinbrüchen führt.

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