Wirtschaft : IWF will Banken in die Pflicht nehmen

ROLF OBERTREIS (MAIN)

FRANKFURT .Michel Camdessus ist Franzose.Und da denken derzeit viele an Fußball.Ähnlich wie dem Schiedsrichter dort kommt dem Internationalen Währungsfonds (IWF), den Camdessus seit 1987 als Managing Direktor leitet, in der Weltwirtschaft die Rolle als Referee zu.Er soll unter anderem darüber wachen, ob die Finanzen seiner 183 Mitgliedsländer in Ordnung sind oder nicht, und ob dies möglicherweise ganze Regionen in eine gefährliche Krise stürzen kann.So wie vor einem Jahr in Asien."Wir haben die rote Karte zur Veröffentlichung unserer Einschätzung, aber sie einzusetzen könnte genau die Krise auslösen, die wir vermeiden wollen.", sagt Camdessus am Donnerstag in Frankfurt bei einem Symposium der Bundesbank über die Rolle des Fonds in der Weltwirtschaft.

Neben Diskussionen über das Volumen der milliardenschweren Hilfspakete für die Krisenländer Asiens, die der IWF in den letzten Monaten geschnürt hat, kreist die Frage immer wieder um die sogenannte "Surveillance", die Beobachtung und Überwachung der einzelnen Länder durch den Fonds.Etliche Beobachter behaupten auch heute noch, daß die Krise in Asien hätte vermieden werden können, wenn der IWF frühzeitig auf die gefährliche Lage in einzelnen Ländern aufmerksam gemacht und damit die jeweiligen Regierungen zu den notwendigen Reformen oder zur Anpassung der Wechselkurse gedrängt hätte.Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer vertritt auch in Frankfurt wieder diese Auffassung, auch wenn er um die permanente Gratwanderung des IWF zwischen Krisenbegrenzung und Krisenauslösung weiß."Zwischen nichts und der gelben Karte gibt es viele Möglichkeiten, um Druck auszuüben." Tietmeyer denkt etwa daran, daß der IWF dann an die Öffentlichkeit geht, wenn ein Land die Herausgabe volkswirtschaftlicher Daten verweigert.Überdies sollte der IWF künftig in Krisenfällen weniger als Finanzfeuerwehr auftreten, sondern mehr als "Moderator und Koordinator".

Camdessus verweist auf die vielen Anstrengungen des IWF.Dadurch würden viele Krisen verhindern, aber davon nehme niemand Notiz.Der IWF dringe auf eine solide Finanz- und Wirtschaftspolitik, auf die Stärkung des Bankensektors und neuerdings auch auf höhere Ausgaben für Gesundheit, Bildung und für die Armen.Seit 1990 habe der IWF rund 41,3 Mrd.DM für die Unterstützung von Reformen in vielen Ländern ausgegeben.Wegen der Asienkrise und ihrer Folgen gebe es derzeit IWF-Programme in 55 Ländern und Verhandlungen mit weiteren 28 Staaten über Unterstützungsmaßnahmen.Camdessus ist allerdings klar, daß gerade die Asienkrise beim IWF Konsequenzen haben muß.Die Beobachtung und Überwachung müsse effektiver, die Information über die Lage in einzelnen Länder verbessert und die Privatbanken stärker in die Krisenvorbeugung und -bewältigung einbezogen werden.

Mit Blick auf die Krise in Rußland erklärte IWF-Chefvolkswirt Michael Mussa, der Währungsfonds werde sich nicht von der Investorengemeinschaft zu Hilfeleistungen für das Land drängen lassen.Viele Investoren seien offensichtlich der Meinung, Rußland sei zu groß, um zu sterben, weshalb der IWF verpflichtet sei, dem Land zu Hilfe zu eilen.

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