IWF zur Altersvorsorge : Rente mit 67? Deutsche sollen noch länger arbeiten

Mit 67 darf noch nicht Schluss sein, meint der Währungsfonds über die Rentner von morgen. Die Rentner von heute bekommen jetzt ein kräftiges Plus.

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Gute Nachricht: An diesem Freitag gibt es eine ordentliche Rentenerhöhung.
Gute Nachricht: An diesem Freitag gibt es eine ordentliche Rentenerhöhung.Foto: dpa

Für die 20 Millionen Rentner ist es ein guter Tag. An diesem Freitag erhalten sie die größte Rentenerhöhung seit 23 Jahren. 4,25 Prozent plus im Westen, im Osten sind es sogar 5,95 Prozent.

Doch in der Politik überwiegen derzeit statt Freude die Warnungen. „Wenn jetzt kein Kurswechsel in der Rentenpolitik eingeleitet wird, werden die künftigen Rentenerhöhungen sehr viel niedriger ausfallen“, sagt Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie plädiert für mehr Steuermittel und frühere Beitragserhöhungen, um ein Absinken des Rentenniveaus in den nächsten Jahren zu verhindern.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert weiter gehendere Reformen, nämlich eine baldige Erhöhung des Rentenalters. In Deutschland müssten die Arbeitnehmer immer mehr Rentner versorgen. Daher seien ein höheres Renteneintrittsalter, erschwingliche Vollzeit- Kinderbetreuung und die Weiterbildung von Zuwanderern nötig, erklärte die UN-Organisation in Washington.

„Früher oder später“ müsse die deutsche Regierung den unpopulären Schritt machen und das Rentenalter weiter anheben, so die IWF-Experten. Würde jeder im Schnitt ein Jahr länger arbeiten, führe das langfristig zu einem um 1,75 Prozent höheren Bruttosozialprodukt. "Deutschland, Meister im Verordnen von Strukturreformen innerhalb der EU, braucht auch im eigenen Land eine große Dosis eben dieser Medizin."

Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Noch länger arbeiten? Seit 2012 steigt das Renteneintrittsalter in Deutschland von 65 auf 67 Jahre – schrittweise, der Umstieg zieht sich bis zum Jahr 2029. Doch das ist Theorie. Tatsächlich gehen hierzulande viele Menschen früher in Rente als vorgesehen und nehmen dafür Abschläge in Kauf. Das tatsächliche Rentenalter liegt derzeit bei 64,2 Jahren.

SPD und Ökonomen gegen späteren Renteneintritt

Es gehe jetzt erst mal darum, mehr ältere Menschen im Arbeitsleben zu halten, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Carola Reimann, dem Tagesspiegel. „Hier haben wir Handlungsbedarf, in diese Aufgabe sollten alle unsere Energien fließen.“ Für Diskussionen über ein noch höheres Renteneintrittsalter sei momentan „nicht der richtige Zeitpunkt“.

Auch der Rentenexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert G. Wagner, hält nichts von apodiktischen Forderungen nach einer pauschalen Verlängerung der Lebensarbeitszeit. „Es gibt kein Richtig oder Falsch“, sagte Wagner dem Tagesspiegel. Renteneintrittsalter, Beitragsniveau und Rentenniveau seien miteinander verbunden, letztlich müsse die Frage nach der Lebensarbeitszeit politisch entschieden werden.

„Viele erreichen die Altersgrenze aber heute schon nicht und gehen in Erwerbsminderungsrente“, kritisierte Wagner. Der Rentenexperte hält es für sinnvoll, die Erwerbsminderungsrente zu erhöhen und über Prävention und Rehabilitation dafür zu sorgen, dass möglichst viele Arbeitnehmer die Regelaltersgrenze erreichen. Auch Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts, sieht keine Notwendigkeit, das Rentenalter über die schon beschlossenen 67 Jahre hinaus zu erhöhen. „Das wird eher nach 2030 nötig sein“, sagte Fuest dem Tagesspiegel. „Jetzt ist es wichtiger, die beschlossenen Reformen nicht zurückzudrehen.“

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DGB: Neoliberale Mottenkiste

Noch schärfer reagierten die Gewerkschaften auf die IWF-Forderung. „Das sind Tipps aus der neoliberalen Mottenkiste“, sagte Buntenbach. Ein höheres Renteneintrittsalter würde die Probleme noch weiter verschärfen. „Schon heute müssen viele Beschäftigte, die es nicht gesund und in Arbeit bis zur 65, geschweige denn bis zur 67 schaffen, hohe Abschläge für ihre Rente in Kauf nehmen.“ Die Jungen hätten dafür, so warnte sie, sogar eine doppelte Zeche zu bezahlen. Sie müssten länger arbeiten und wären gleichzeitig vom sinkenden Rentenniveau betroffen. Und wenn sie dann einmal ihre Rente bräuchten, reiche diese nicht mehr zum Leben.

Auch bei den Bürgern stoßen Ideen, die Arbeitszeit nach hinten zu verlängern, auf wenig Gegenliebe. Zwei Drittel möchten nicht mal bis zum 67. Lebensjahr arbeiten, hat eine aktuelle Umfrage der GfK im Auftrag der „Apotheken-Umschau“ ergeben. Vorausgesetzt, sie können es sich finanziell leisten.

Rente ist der größte Batzen

Die Rente ist in der Sozialversicherung der größte Ausgabenblock. Von den 888,2 Milliarden Euro, die im vergangenen Jahr an Sozialleistungen gezahlt worden sind, machte sie 282,4 Milliarden Euro aus. Dies teilte das Bundessozialministerium am Donnerstag mit. Die Krankenversicherung schlug mit knapp 212 Milliarden Euro zu Buche – gefolgt von Beamten-Pensionen (knapp 53 Milliarden), Pflege- (knapp 29 Milliarden) und Arbeitslosenversicherung (27,4 Milliarden Euro).

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