Wirtschaft : IWF zweifelt an deutschem Aufschwung

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Washington (bac/HB). Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Zweifel, dass die deutsche Konjunktur bereits im kommenden Jahr voll durchstartet. „Die deutsche Wirtschaft wird sich 2003 erholen, aber für ein Wachstum von 2,5 Prozent sehe ich im Moment eher Fragezeichen“, sagte IWF-Chef Horst Köhler dem Handelsblatt. Köhler führte dies in erster Linie auf die gebremste Binnennachfrage in Deutschland zurück. Aber auch die neuesten Export-Zahlen seien schwächer als noch vor Monaten angenommen. Hier schlage der im Vergleich zum Dollar stark gestiegene Euro-Kurs zu Buche, der Ausfuhren in die USA verteuert. „Zum andern verläuft die Welt-Nachfrage nach Investitionsgütern eher schleppend, was die deutsche Wirtschaft mit ihrem starken industriellen Sektor besonders trifft“, erklärte Köhler.

Demgegenüber bezeichnete der IWF-Chef die US-Wirtschaft als „grundsätzlich stark". Durch ihre Produktivität und das „bei Weitem noch nicht erschöpfte Technologie-Potenzial“ verfüge sie über eine beträchtliche Wachstums-Dynamik. Zwar gebe es Risiko-Faktoren wie die künftigen Gewinn-Erwartungen der US-Unternehmen sowie die sich daraus ableitenden Investitionen. Auch habe die Volatilität an den Börsen einige Unsicherheit geschaffen. „Aber insgesamt sind wir sehr zuversichtlich, dass die Erholung im zweiten Halbjahr weiter an Kraft gewinnt“, betonte Köhler.

Ende des Jahres könnte ein Wachstumspfad von drei bis 3,5 Prozent erreicht werden. Im Lichte dieser Entwicklung und der derzeit geringen Inflationsgefahr sei nicht davon auszugehen, dass die US-Bundesbank die Leitzinsen demnächst erhöhe. Der Konjunktur-Aufschwung in Amerika habe weltweit „Signal-Wirkung". Allerdings gebe es auch in Asien, abgesehen von Japan, Hoffnungsschimmer. „Europa erholt sich ebenfalls, wenngleich etwas langsamer als die USA." Die von den Europäern mehrfach geäußerte Kritik am amerikanischen Leistungsbilanz-Defizit wies der IWF-Direktor als „einseitig" zurück. „Die USA haben jahrelang, nicht zuletzt durch ihre hohen Konsum-Ausgaben, die Welt-Konjunktur gestützt. Jetzt müssen die Europäer bei sich selbst für mehr Wachstum sorgen.“

Insgesamt bemängelte Köhler das langsame Tempo an Strukturreformen im Euro-Raum: „Auf dem Energiemarkt, bei den Finanz-Dienstleistungen und im Telekommunikationsbereich gibt es noch zu viel Zersplitterung. Dadurch werden Produktivitäts- und Wachstums-Spielräume verschenkt.“ Auf der nationalen Ebene rügte er die geringe Flexibilität bei den Arbeitsmärkten. Nötig sei hier vor allem mehr Lohn-Differenzierung, die sich nach Produktivitäts-Unterschieden ausrichte.

In der Argentinien-Krise sieht Köhler „kein Kollaps-Problem“ für Südamerika. Die Schwierigkeiten seien zu sehr in der eigenen Misere verwurzelt. Einzig im Falle von Uruguay bestehe eine Ansteckungsgefahr. Enge Handelsbeziehungen sowie direkte argentinische Kapital-Einlagen in uruguayischen Banken sorgten für eine intensive Verflechtung der beiden Volkswirtschaften. Die nervösen Reaktionen der Finanzmärkte in Brasilien, die innerhalb von wenigen Wochen zu einem rasanten Verfall der Landeswährung geführt hatten, nannte Köhler „übertrieben". Im Kern gehe es um ein innenpolitisches Problem: Die Gläubiger hätten Angst, dass sie ihr Geld abschreiben müssten, wenn der linke Kandidat Luis Inacio da Silva der nächste Präsident Brasiliens werde.

Köhler kritisierte die geringe Reformbereitschaft der argentinischen Regierung. „Ich habe von der gerade aus Buenos Aires zurückgekehrten IWF-Mission erfahren, dass die Argentinier offensichtlich keine Eile haben, mit uns über eine Restrukturierung der Banken-Landschaft zu sprechen“, sagte Köhler. „Das hat mich enttäuscht.“ Der IWF will den Banken durch die Umwandlung von Geld-Einlagen in Wertpapiere unterstützen. Der IWF fordert, dass Argentinien „einen monetären Anker und die mittelfristige Konsolidierung der Staatsfinanzen“ definieren müsse. Derzeit werde noch zu viel Geld gedruckt.

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