Wirtschaft : IWH warnt vor Lohnauftrieb

Wirtschaftsforscher: Konjunktur zu labil / Keine pauschale Reform des Flächentarifs

BERLIN/HALLE(mot).Ein Ende der Bescheidenheit in der Tarifpolitik wäre nach Ansicht des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) verhängnisvoll.Mit einem forcierten Lohnauftrieb in Höhe der Produktivitätsentwicklung würde "ein gefährlicher Weg" eingeschlagen, erklärte IWH-Präsident Rüdiger Pohl am Dienstag im jüngsten IWH-Bericht.Pohl reagiert mit seiner Warnung auf Forderungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das für 1998 in Westdeutschland Entgeltzuwächse in Höhe der Produktivitätsrate gefordert hatte. "Wird im Vorgriff auf einen erhofften Konjunkturaufschwung die lohnpolitische Schraube überdreht, werden am Ende die Arbeitnehmer selbst oder zumindest die Entlassenen als Verlierer dastehen", mahnte Pohl.Zwar sei es unangebracht, den Arbeitnehmern vermitteln zu wollen, die Lohnentwicklung müßte dauerhaft von der konjunkturellen Aufwärtsbewegung abgekoppelt werden.Aus heutiger Sicht bleibe aber 1998 die Konjunkturbelebung "noch ziemlich labil".Spielraum für Lohnsteigerungen, die anders als heute den Produktivitätsfortschritt ausschöpfen, sei erst vorhanden, wenn der Auftrieb zu einer "kraftvollen Nachfrageexpansion" geführt habe."Davon kann derzeit leider noch nicht die Rede sein", so Pohl.Verständlicherweise würden angesichts steigender Unternehmensgewinne "lohnpolitische Begehrlichkeiten" geweckt, räumte der IWH-Chef ein.Es dürfe aber nicht übersehen werden, daß die Gewinnzunahme nicht einer robusten Konjunktur zu verdanken sei, sondern energischer Rationalisierung.Deutliche Lohnsteigerungen würden zum jetzigen Zeitpunkt zusätzlichen Rationalisierungsdruck erzeugen, und zum Abbau weiterer Arbeitsplätze führen. Das IWH plädiert in seinem jüngsten Monatsbericht zudem für eine differenzierte Flexibilisierung des Flächentarifvertrages.In einer Studie warnen die Wirtschaftsforscher vor einer pauschalen Anpassung aller Regelungen im Tarifvertrag."Problematisch", sei insbesondere die flexiblere Gestaltung des tariflichen Grundlohns."Seine Funktion als Basiseinkommen der Arbeitnehmer läßt ein ständiges Schwanken wenig ratsam erscheinen", schreibt das Institut.Dagegen ließen sich "tarifliche Nebenbedingungen" - etwa vermögenswirksame Leistungen, das Weihnachtsgeld, pauschale Leistungszulagen oder das zusätzliche Urlaubsgeld - nach Meinung des IWH gezielt zur Erhöhung der tarifvertraglichen Flexibilität einsetzen.Generell sei bei der Anpassung an betriebliche Erfordernisse die Auswahl der tariflichen Nebenbedingungen entscheidend.So wäre eine Flexibilisierung "kompensatorischer Zuschläge", etwa der finanzielle Ausgleich für besondere Belastungen am Arbeitsplatz, oder anderer Sozialleistungen laut IWH "Sprengstoff für das Betriebsklima".Das IWH verweist in diesem Zusammenhang auf die heftigen Auseinandersetzungen um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Flexibilisierung sei nicht mit einer generellen Absenkung des Tarifniveaus gleichzusetzen, geben die Wirtschaftsforscher zu bedenken.Und: "Flexiblere Tarifverträge sind keineswegs ein Allheilmittel." Betriebe mit schlechtem Management, mangelhafter Arbeitsorganisation oder veralteten Produktideen würden durch solche Maßnahmen allein kaum ausreichend wettbewerbsfähig.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben