Wirtschaft : iX-Fusion wackelt: Frankfurt will London bei "feindlichem Angebot" beispringen

Die Londoner Börse wird aller Voraussicht nach nicht wie geplant am 14. September über die Fusion mit der Deutschen Börse entscheiden können, falls die schwedische OM-Gruppe wie angekündigt ein feindliches Übernahmeangebot vorlegt. Der Chef der London Stock Exchange (LSE), Don Cruickshank, sagte nach Angaben der britischen Zeitung "The Times" vom Montag, die Entscheidung über eine Verschiebung der Abstimmung müsse vom Vorstand der Börse nach Vorliegen eines Angebots getroffen werden.

In London, wo am Montag die Börse wegen eines Feiertags geschlossen blieb, wurde erwartet, dass die schwedische OM-Gruppe noch in dieser Woche ein feindliches Angebot zum Kauf von LSE-Aktien machen wird. Cruickshank hatte Ende der vergangenen Woche eine Fusionsofferte von OM als "Störmanöver" eines Konkurrenten abgelehnt. OM stellt elektronische Handelssysteme für verschiedene Börsen her und betreibt auch die Stockholmer Börse.

Am Montag bewahrte OM zunächst Stillschweigen über Einzelheiten des erwarteten Angebots. Nach Angaben vom vergangenen Freitag soll es insgesamt 27 Pfund (sieben Pfundd in bar und 20 Pfund in OM-Aktien) pro Aktie betragen. Nach einem Bericht der "Financial Times" bezeichneten einige LSE-Aktionäre dieses Angebot jedoch als zu niedrig. Die LSE hat rund 450 Anteilseigner. Ein Drittel der Anteile befindet sich in Streubesitz. Selbst eine große Bank wie die HSBC hält nach Brancheneinschätzung weniger als drei Prozent.

Das Bekanntwerden des OM-Angebots hat die Gegner des Zusamenschlusses nun gestärkt. Angela Knight, Sprecherin einer Gruppe von kleineren Brokerfirmen, sagte: "Ein Aufschub ist zwingend, damit die legitimen Fragen der Eigentümer beantwortet werden können." Während große Londoner Investmentbanken vor allem damit unzufrieden sind, dass das deutlich kleinere und international weniger bedeutende Frankfurt in der Fusion gleichberechtigt sein soll, fürchten die kleineren Häuser in London eine Verlagerung ihres Geschäftes an den Main.

Brian Winterflood, Besitzer eines kleineren Brokerhauses, sagte zu der angekündigten Offerte von OM: "Das ist jetzt ein ganz anderes Spiel. Das beweist doch, dass es Alternativen gibt." Blake Nixon von Guinness Peat Group sagte: "Wenn jemand wie OM so aktiv wird, dann ist das doch ein Zeichen der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der vorgeschlagenen Fusion."

Ein weiterer Stolperstein für die Fusion ist aus Londoner Sicht die Aktienmarktregulierung. Britische Börsenaufseher stellen höhere Anforderungen an die Offenlegung. In der Londoner City wird befürchtet, über das deutsch-britische Projekt könnten die strengen Publizitätsvorschriften aufgeweicht werden. Auch wird argumentiert, es sei vorschnell, die Unternehmen nach wachsender New Economy und stabiler Old Economy zu trennen. Aktien der New Economy sollen künftig am Main gehandelt werden. Schließlich wird in London in Pfund, in Frankfurt jedoch in Euro gehandelt.

Cruickshank hat bisher bestritten, dass es Alternativen zu der Fusion mit der Deutschen Börse gebe. Die "Financial Times" berichtete am Montag hingegen, es gebe auch einen Brief der Börse Euronext (Paris, Brüssel, Amsterdam) vom April, in dem diese ausdrücklich eine Fusion mit der Londoner Börse anbietet. Dieser Brief sei von Cruickshank nicht einmal beantwortet worden.

Die Deutsche Börse in Frankfurt reagierte auf ihre Weise auf das schwedische Angebot und erklärte, sie wolle der Partnerbörse London notfalls "beispringen". Die "Financial Times" zitierte einen Sprecher in Frankfurt, der ungenannt bleiben wollte, mit den Worten, die Deutschen wären "unter Umständen bereit, die abgesprochene Fusionsstruktur zu verändern. LSE-Chef Cruickshank wies der Zeitung zufolge auf eine bestehende zusage des Chefs der Deutsche Börse, Werner Seifert hin, jeglichen feindlichen Übernahmeversuch mit abzuwehren.

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