Wirtschaft : Jagoda hält Halbierung der Arbeitslosigkeit in zehn Jahren für möglich

Die Prognosen für den Arbeitsmarkt in Deutschland werden immer günstiger, obwohl derzeit noch rund 4,1 Millionen Menschen erwerbslos sind. Bei anhaltend positiven Rahmenbedingungen hält der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, eine Halbierung der Arbeitslosigkeit bis 2010 für möglich. Dann drohe sogar ein Arbeitskräftemangel. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, warnte dagegen in der "Bild"-Zeitung, die Regierung dürfe sich nicht auf den prognostizierten Wachstumsraten ausruhen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stehen dem Arbeitsmarkt immer weniger jüngere Menschen zur Verfügung. Das Durchschnittsalter der Arbeitskräfte sei in den 90er Jahren stetig gestiegen - von 38,3 Jahre 1991 auf 39,5 Jahre 1999. Dieser Trend werde sich fortsetzen.

"In den nächsten zehn Jahren sinkt die Zahl der Menschen, die arbeiten wollen, um eine bis 1,5 Millionen", sagte Jagoda der in Dortmund erscheinenden "Westfälischen Rundschau". Danach werde der Rückgang dramatisch, so dass in absehbarer Zeit über eine geregelte Zuwanderung von Arbeitskräften nachgedacht werden müsse. Derzeit wachse die Beschäftigung, die geplante Steuerreform wirke stimulierend. Jagoda warnte vor einem Mangel an Ingenieuren und Informatikern, den sich eine hoch entwickelte Volkswirtschaft auf Dauer nicht leisten könne. Die jungen Menschen müssten vor allem wieder stärker für naturwissenschaftliche Berufe gewonnen werden, meinte Jagoda.

Die Dresdner Bank geht davon aus, dass die Arbeitslosenzahl in den kommenden zweieinhalb Jahren auf deutlich unter drei Millionen sinken wird, wenn es keine "wirtschaftlichen Schocks" gebe. "Wir sehen gute Chancen, dass die Arbeitslosigkeit Ende 2002 nur noch bei 2,8 Millionen liegt", sagte der Leiter der Abteilung Konjunkturanalyse der Bank, Rolf Schneider, ebenfalls der "Bild"-Zeitung. Bis 2009 könne es sogar Vollbeschäftigung geben, sofern es zu gründlichen Wirtschaftsreformen komme. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet eine positive Entwicklung. "Wir haben in den letzten beiden Jahren sehr positive Impulse von der Weltwirtschaft bekommen", sagte DIW-Arbeitsmarktexperte Wolfgang Scheremet im InfoRadio Berlin. Er kritisierte die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen: "Die Unternehmen wollen immer olympia-reife Mannschaften haben und vergessen dabei, dass sie etwas dazu beitragen müssen."

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren 1999 nur noch knapp zwei Drittel (64 Prozent) der 15- bis 34-Jährigen erwerbstätig. 1991 hatte der Anteil noch bei 69 Prozent gelegen. Gründe sind längere Ausbildungszeiten, der höhere Altersdurchschnitt der Bevölkerung und die gewachsene Arbeitslosigkeit. Von den 50- bis 64-Jährigen stand 1991 noch mehr als die Hälfte (53 Prozent) im Berufsleben, 1999 waren es nur noch 48 Prozent.

Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ursula Engelen-Kefer, nannte die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung als Grund für die günstigen Arbeitsmarkt-Aussichten. Die Bundesregierung habe die Rahmenbedingungen für ein stabiles Wachstum geschaffen und das Vertrauen der Wirtschaft zurückgewonnen, sagte sie in einem Interview. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstags, Hans Peter Stihl, sagte in Waiblingen, er hoffe, dass die Arbeitslosenzahl in den kommenden zwei bis drei Jahren um eine halbe Million zurückgehe.

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