Wirtschaft : Jagoda spricht noch nicht von Trendwende

BERLIN/BONN (jhw/AFP/dpa).Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, hat der Einschätzung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) widersprochen, die Zahl der Arbeitslosen werde im Herbst unter die Vier-Millionen-Grenze sinken.Aus seiner langjährigen Erfahrung wisse er, "daß wir in den Sommermonaten mit einer leicht steigenden Arbeitslosigkeit rechnen müssen".

Auch in der Frage nach einer Trendwende auf dem Arbeitsmarkt vertrat Jagoda eine andere Auffassung als die Bundesregierung.Von einer Trendwende könne erst dann gesprochen werden, wenn die Arbeitslosenquote drei Monate hintereinander niedriger sei als im Jahr zuvor.Dies sei zwar in den alten Bundesländern der Fall, in denen die Zahlen seit sechs Monaten besser seien als die Vorjahreswerte.In den neuen Ländern aber sei im Juni 1998 zum ersten Mal seit September 1995 eine geringere Arbeitslosigkeit verzeichnet worden."Sollte sich das im Juli und August fortsetzen, dann werde auch ich von einer Trendwende sprechen.Aber vorher nicht", sagte Jagoda.

Wissenschaftler zweifeln inzwischen an der Wichtigkeit der Diskussion um den Begriff der "Trendwende" am Arbeitsmarkt.So sagte Hilmar Schneider vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dem Tagesspiegel, er halte wenig von der wochenlangen Debatte."Es hat sich etwas bewegt, aber es gibt keinen Grund zur Euphorie", warnte der Leiter der IWH-Abteilung Arbeitsmarkt.Schneider: "Wenn der Eindruck entsteht, die Schwierigkeiten seien erledigt, halte ich das für ein großes Problem."

Ökonomen wiesen regelmäßig darauf hin, daß nur tiefgreifende Reformen am Arbeitsmarkt dafür sorgen könnten, die Beschäftigungsmisere dauerhaft zu überwinden.Viele Arbeitslose tauchen nach Angaben von Schneider nicht in der Statistik auf, weil sie auf dem staatlich finanzierten zweiten Arbeitsmarkt eine subventionierte Anstellung gefunden hätten.Beispielsweise habe die Zahl der Arbeitnehmer, die Lohnkostenzuschüsse erhalten, sprunghaft zugenommen.

Die Arbeitsmarktzahlen werden an diesem Donnerstag veröffentlicht.Im Juni war die Zahl der Arbeitslosen um 122 300 auf 4,075 Millionen gesunken.Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Juli wäre für die Statistiker der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit ein ganz normaler, saisonal bedingter Vorgang.Im Juli des Vorjahres war die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung gegenüber dem Vormonat um 132 000 auf 4,35 Millionen gestiegen.Ähnliche Zuwachsraten weist die Statistik auch für die Juli-Monate der Jahre 1994 bis 1996 aus.

Dabei ist nach Angaben von Sprecher Eberhard Mann von der Bundesanstalt die Lage der Sommerferien in den einzelnen Bundesländern mit von Bedeutung.Zudem machen viele Unternehmen jetzt Betriebsferien und stellen deshalb vorher keine neuen Mitarbeiter ein.Darüber hinaus melden sich im Juli mehr junge Leute nach ihrer Ausbildung arbeitslos, die nicht auf eine feste Stelle übernommen werden oder zu einer anderen Firma wechseln wollen.

Nach Ansicht von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) stehen am Arbeitsmarkt "alle Zeichen auf Aufschwung".Er sagte am Montag: "Es gibt weniger Arbeitslose als im Vorjahr, es gibt mehr offene Stellen, es gibt mehr Vermittlungen."

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