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Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs : "Die Gefahr sieht kleiner aus"

02.10.2011 00:00 Uhrvon und
Jan Hatzius sagt für Ende 2011 den Beginn einer Rezession im Euro-Raum voraus.Bild vergrößern
Jan Hatzius sagt für Ende 2011 den Beginn einer Rezession im Euro-Raum voraus. - Foto: promo

Mit dem Tagesspiegel spricht Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, über Schulden, Arbeitslose in den USA und den Euro.

Herr Hatzius, vor wenigen Wochen haben Sie die Euro-Schuldenkrise als eines der größten Risiken für die US-Wirtschaft bezeichnet. Gilt das nach dem Durchbruch auf dem EU-Krisengipfel immer noch?

Ja, ich denke schon. Die Ansteckungsgefahr ist immer noch ein Risiko für die amerikanische Wirtschaft. Die Gefahr sieht jetzt zwar etwas kleiner aus, nachdem der Euro-Rettungsschirm weiter aufgespannt wurde. Aber die Wirtschaftsdaten in Europa sind nach wie vor schwach. Wir erwarten im vierten Quartal 2011 und im ersten Quartal 2012 eine leichte Rezession im Euro-Raum. Das wird nicht ohne Folgen für die USA bleiben.

Welche Folgen meinen Sie?

Es gibt im Wesentlichen drei Risiken. Am geringsten dürfte noch der Effekt sinkender Exporte der US-Unternehmen nach Europa sein. Amerika exportiert nur ungefähr zwei Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in die Euro-Zone. Negativer wirken sich die schwächeren Finanzmärkte auf die US-Wirtschaft aus. Denn niedrigere Aktienkurse bedeuten, dass dies die Aktienbesitzer zu spüren bekommen und weniger Geld ausgeben. Wir sprechen von einem negativen Vermögenseffekt. Und schwächere Anleihemärkte erschweren Unternehmen und Haushalten die Aufnahme von Krediten. Schließlich hat die Euro-Schuldenkrise einen Wechselkurseffekt: Sie führt tendenziell zu einer Aufwertung des Dollar, verteuert also die Exporte amerikanischer Unternehmen.

Wie sehr ist die US-Wirtschaft vom Überleben des Euro abhängig?

Wir glauben, dass der Euro bestehen bleibt und erwarten nicht, dass der Währungsraum auseinanderbrechen wird. Würde sich die Krise in Europa aber wieder verschärfen, dann wäre auch in Amerika eine Rezession denkbar.

Hat die Euro-Krise bewiesen, dass der Dollar die solidere Leitwährung ist?

Ich glaube, dass die großen Investoren – insbesondere aus Asien – langfristig stärker ihre Anlagen auf unterschiedliche Währungen verteilen werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass der Dollar die wichtigste Reservewährung bleiben wird.

Nach dem Sommerloch ist die US-Wirtschaft im dritten Quartal wieder stärker gewachsen. Haben die Pessimisten die Selbstheilungskräfte der US-Wirtschaft unterschätzt?

Die Entwicklung der vergangenen Wochen war in Ordnung, nicht außergewöhnlich. Insgesamt ist die US-Wirtschaft immer noch schwach – vor allem, wenn man sich die Arbeitslosenquote von mehr als neun Prozent ansieht –, aber wir befinden uns nicht in einer Rezession.

Wir hatten gedacht, die amerikanische Schuldenkrise habe den US-Verbrauchern die Konsumfreude verdorben – weil ihre Reserven aufgebraucht sind. Nun gehen sie wieder kräftig shoppen. Woher kommt die erstaunliche Kaufkraft?

So erstaunlich war die Entwicklung des privaten Konsums zuletzt gar nicht. Die US-Verbraucher haben ihr Verhalten nach der Krise angepasst und zunächst deutlich weniger Geld ausgegeben. Die Sparquote ist zwischen 2007 und 2009 auf für die USA ungewöhnlich hohe fünf Prozent gestiegen. Doch dieser Anpassungsprozess liegt bereits hinter uns. Inzwischen gehen wir davon aus, dass der private Konsum 2012 wieder in dem Maße steigen wird wie die Einkommen der Verbraucher, also real um etwa zwei Prozent.

Drücken die Amerikaner keine Schulden?

Gemessen am verfügbaren Einkommen liegt die Gesamtverschuldung der privaten Haushalte aktuell immer noch bei 110 Prozent – das ist das Niveau von 2003. Im Krisenjahr 2007 lag die Quote bei 130 Prozent. Die Amerikaner haben ihre Schulden also erheblich abgebaut, aber es muss noch viel passieren. Deshalb wird die Sparquote sicher noch deutlich über dem Niveau vor der Krise bleiben. Schwer zu sagen, wie lange es dauern wird, bis die Verschuldung ein gesundes Niveau erreicht hat.

Spare in der Not: Ist dies eine Lehre, die die US-Verbraucher aus den Erfahrungen der Finanzkrise gezogen haben?

Ich will nicht von einer Lehre sprechen, das klingt mir zu moralisch. Die Verbraucher haben sich einfach an neue Rahmenbedingungen angepasst: Zwischen 1995 bis 2007 haben sie zunächst von den Wertsteigerungen an den Aktien- und Immobilienmärkten profitiert. Sie mussten nicht so viel von ihrem laufenden Einkommen sparen, weil ihre Vermögenswerte an Wert gewonnen haben. Als sich das umkehrte, musste wieder mehr vom laufenden Einkommen zurückgelegt werden.

Aus der Immobilien- und Bankenkrise ist eine Krise der öffentlichen Verschuldung geworden: Wie viel Handlungsspielraum hat die Regierung noch angesichts der dramatischen Haushaltslage?

Wenn sie wollte, hätte sie noch eine Menge Handlungsspielraum. Kurzfristig könnte sie sogar noch ein etwas höheres Defizit in Kauf nehmen. Das Budgetproblem, das vor allem von den stark steigenden Ausgaben für das Gesundheitssystem verursacht wird, ist ein langfristiges. Amerika braucht eine Strategie zur Beseitigung der Defizite in den nächsten zehn oder 20 Jahren. Diese Strategie müsste auch in irgendeiner Form festgeschrieben werden. Wenn schon nicht in der Verfassung, was in den USA sehr schwierig ist, dann in einer anderen Form. Es fehlt immer noch ein Plan, der in nachvollziehbaren Schritten das Defizit auf ein vertretbares Maß reduzieren würde.

Die Chance, dass sich die Obama-Regierung damit im Kongress durchsetzt, sind denkbar gering…

Wir sehen das auch so. Es wird auf absehbare Zeit wohl keine durchgreifende Lösung des Schuldenproblems geben. In den nächsten Wochen müssen beide Häuser des Kongresses ihren Bericht vorlegen, wie zusätzlich 1,2 Billionen Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren gespart werden sollen. Das bringt erhebliche Unsicherheit. Klar ist, dass ein wenig gespart wird. Aber den großen Wurf erwarten wir nicht.

Obama will eine Million Arbeitsplätze schaffen. Woher soll das Geld kommen?

Die Regierung hat ein Paket vorgeschlagen, das aus einer Kombination aus Steuererleichterungen, längerer Arbeitslosenunterstützung und zusätzlichen Ausgaben besteht. Zumindest der Ausgabenteil wird wahrscheinlich nicht durch den Kongress gehen. Die anderen Teile haben bessere Chancen. Ohne sie würde sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt Anfang 2012 wahrscheinlich noch verschlechtern.

Die Arbeitslosenquote liegt schon bei mehr als neun Prozent. Wie gefährlich ist das?

Das ist schwer zu sagen. Große Instabilität erwarte ich deswegen nicht. Aber es gibt eine Arbeitsmarktkrise in den USA, keine Frage. Es kann sehr unangenehm sein, in Amerika arbeitslos zu sein. Das soziale Netz ist nicht sehr eng geknüpft und das Land ist nicht für längere Zeit auf so viele Arbeitslose vorbereitet. Zumal viele von der Statistik gar nicht erfasst werden, weil sie nicht mehr aktiv eine Stelle suchen oder in Teilzeit arbeiten. Rechnet man diese Gruppe hinzu, liegt die Erwerbslosenquote bei über 16 Prozent.

Glauben Sie noch an die Gestaltungskraft der Wirtschafts- und Finanzpolitik? In Europa wird die These diskutiert, die Politik werde immer passiver und lasse sich von „den Märkten“ treiben.

Ich glaube, dass aktive Konjunkturpolitik sinnvoll sein kann. Es kommt natürlich immer auf die Rahmenbedingungen an. Fiskalpolitik, die versucht, Konjunkturzyklen zu glätten, ist in den meisten Fällen nicht sehr sinnvoll, weil sie zu langsam reagiert. Die Geldpolitik ist da flexibler, weil sie von unabhängigen Notenbanken gemacht wird und nicht von Parlamenten beeinflusst wird. Allerdings sind wir aktuell in einer Ausnahmesituation, weil die kurzfristigen Zinsen schon bei Null sind und die Notenbank kaum noch handlungsfähig ist. Da macht es Sinn, die Fiskalpolitik aktiver zu gestalten.

Fällt die Notenbank als Stimulator der US-Wirtschaft aus?

Die Zinsen kann sie nicht mehr senken, aber mit unkonventioneller Geldpolitik – dem Kauf von Staats- oder bestimmten Hypothekenanleihen – kann sie die Wirtschaft noch etwas stimulieren. Aber die Effekte dieser Maßnahmen sind begrenzt.

Abschließend ein Blick nach China. In Europa hofft man, dass chinesische Investoren nun Staatsanleihen kaufen. Welche Risiken ergeben sich für die US-Wirtschaft daraus, dass China langsamer wächst?

Das Wachstum hat sich etwas verlangsamt. Wir gehen aber davon aus, dass die chinesische Wirtschaft 2012 noch um 8,5 Prozent wächst. Das ist immer noch eine ganze Menge, wenn man an die Zahlen aus anderen Ländern gewöhnt ist. China hat noch viel aufzuholen. Die Stichworte sind: Technologie, Urbanisierung, Strukturwandel und Produktivität. Die chinesische Regierung hat dabei immer die Möglichkeit, zusätzlich auf die Wirtschaft Einfluss zu nehmen. In einer Liquiditätsfalle sitzt China ganz gewiss nicht.

Das Gespräch führten Maris Hubschmid und Henrik Mortsiefer.

DER ÖKONOM

Jan Hatzius, 42, hat es als einer von wenigen Deutschen in eine Topposition der amerikanischen Finanzbranche geschafft. Seit Anfang 2011 ist er Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs in New York und damit einer der einflussreichsten Männer an der Wall Street. Der promovierte Volkswirt wuchs in Hamburg auf, hat in Kiel, Wisconsin und Oxford studiert und begann seine Karriere 1997 bei Goldman in Frankfurt. Hatzius ist verheiratet und hat drei Kinder.

DIE BANK

Goldman Sachs galt lange als die Königin der Wall Street und hat als Investmentbank mit heute 35.000 Mitarbeitern die Finanzkrise überlebt. Zuletzt schrieb die Bank Verluste. Im dritten Quartal lagen sie bei netto 393 Millionen Dollar.

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