Wirtschaft : Jan Ortwin Rave

Geb. 1934

Gregor Eisenhauer

Im Zweifel entschied er sich gegen das Spektakuläre. Kein schönerer Ort, um aufzuwachsen: der Park des Schlosses Sanssouci. Nicht im Schloss selbst lebte die Familie, schöner noch, in der Melonerie, der runden Fenster wegen auch Eulenburg genannt, ein Gärtnerhaus eigentlich, ganz in der Nähe des chinesischen Teetempels und der Römischen Bäder. Ein Zauberreich, in dem die Brüder Könige waren: Jan und Rolf.

Keine schlechtere Zeit, um aufzuwachsen. Kurz vor Kriegsausbruch bezog eine prominente Nazifamilie die Melonerie und die Raves quartierten sich freiwillig um. Wieder ein Elfenbeinturm, die Dienstwohnung im Dahlemer Museum. Manchen macht das Schicksal Geschenke. Der Vater, Kustos an der Nationalgalerie, musste nicht in den Krieg. Die Mutter, Malerin, lehrte die Kinder die Freuden der gemäßigten Bohème. Ein Idyll kurz vor dem Inferno.

Damals gingen viele Kinder in der Dahlemer Gegend noch barfuß durch die Straßen, von denen einige geteilt waren in den sandigen Reitweg für die besseren Herrschaften und die gewöhnliche Fahrbahn. Jan Rave geriet früh ins Träumen über Stadtplänen, Karten waren das Handwerkszeug seiner Phantasie. Sein Berufswunsch: Forschungsreisender. Die Bomben auf Berlin machten einen Alptraum daraus: die bizarr-fremde Welt der Trümmerlandschaft, in der es die Spuren des Alten zu sichern galt.

Die Ruinenstadt: eine Katastrophe – für die Architekten des Wiederaufbaus hingegen ein Königsspiel. Doch nur wenige haben der Stadt gut getan. Viele stellten ihr Ego in den Vordergrund oder die Rentabilität. Jans Vater, Paul Ortwin Rave, der Wiederentdecker Schinkels, litt an dieser modernistischen Zerstörung der Stadt: Vergangenheitsbewältigung mittels Abriss, automobile Verödung, die Preisgabe vieler stiller Enklaven.

Seine Mahnrufe, sich dessen zu erinnern, was war, bevor etwas Neues an seine Stelle tritt, verhallten in den fünfziger Jahren ungehört. Anfangs bemühten sich nur die Söhne in seinem Sinn: Bauen gemäß dem Stadtgrundriss und nicht nach eigenem Gusto. Zwei Brüder gemeinsam im Büro, 40 Jahre fast, der eine der Praktiker, der andere, Jan, der historisch Skrupulöse. Dessen konzeptioneller Purismus nicht immer einfach zu ertragen war, schon gar nicht für die Bauherren – deren Meinung für ihn stets zweitrangig war.

Ehrliche Verwendung der Materialien, Verzicht auf Dekor, schlichte, zweckgemäße Bauformen. In jenem ersten preisgekrönten Entwurf des Ruhlebener Krematoriums von 1962, in dem auch sein Weg nun endete, kam all das in Perfektion zum Tragen.

Dem Tod den Raum geben, der ihm zusteht. Aber auch nicht mehr. Dieses Maßhalten verkörpert dieser Bau. Denn nirgends entlarvt sich falsches Pathos so augenscheinlich wie in Kriegerdenkmälern und auf Friedhöfen.

Zwischen dem Mittelmaß, dem mittleren Maß und dem menschlichen Maß ist nicht immer leicht abzuwägen. Im Zweifel entschied sich Jan Rave gegen das Spektakuläre. Das war bescheiden gedacht, zuweilen vielleicht zu bescheiden, denn große Architektur ist rücksichtslos, Anlass zum Disput, Austragung von Gegensätzen, im Entwurf wie in der Diskussion. Aber Widerspruch, gerade was seine eigenen Entwürfe anbelangt, hat er auch vom Bruder nur ungern ertragen.

Machbare, gute Qualität, keine postmodernen Spielchen mit Bauklötzen, hier noch ein Bogen und da noch ein Zierratzitat. Berliner Baustil, das ist Schinkel, das ist Zurückhaltung, das ist Respekt vor dem Raum.

Jan Rave ging immer wieder durch die Stadt. Er ging über Wochen und Monate, in kleinen Etappen, die Mauer entlang, die Schnittkante, die die Stadt von der Stadt und dem umgebenden Land trennte. Oder er fuhr entlang der Spree, auf wechselnden Ufern, mit Blick auf die Schmiegsamkeit von Bebauung. Sehspiele, Gedankenspiele, die zum Buch werden sollten. Denn er war durchaus lobbedürftig und zuweilen voll Ressentiment gegen die Stilleren, in sich Gekehrten. Ein italienisches Temperament, heimisch in allen Sprachen, gesellig, gern auch unter Prominenten.

Umtriebigkeit ist Angst vor der Leere. Auf die Umtriebigkeit verstand er sich, bei der Arbeit wie beim Feiern. Auch das ein Geschenk, das langsame Nachlassen der Kräfte blieb ihm erspart.

Kein schönerer Ort, um zu sterben. Am Meer, mit Blick auf die Insel, wo sein letztes Haus stehen sollte.

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