Wirtschaft : Jan Schlubach

(Geb. 1920)||Jedes Detail zählt, auch das kleinste. Zum Glück gibt es Notizzettel.

Tatjana Wulfert

Jedes Detail zählt, auch das kleinste. Zum Glück gibt es Notizzettel. Die Glocke läutet. Erleichtert drängen Kinder die Schultreppe hinunter. „Beeil dich“, ruft ein Junge einem anderen zu. „Renn’ nicht so, Jan“ sagt der, „wir haben Zeit, den ganzen Nachmittag.“ Jans Freund lebt in einer vornehmen Hamburger Villa an der Alster. Doch nicht das prächtige Haus mit seinen Säulen und Balkonen lässt Jan den Freund zur Eile treiben. Er kennt diese Welt, wohnt selbst in einem solchen Haus. Die Väter beider Jungen sind hanseatische Kaufleute mit Einfluss und Vermögen. Der Unterschied ist: Der Vater des Freundes besucht auch noch die Oper und das Museum. Und er besitzt eine große Bibliothek.

Die Ankömmlinge werden schon vom Vater des Freundes erwartet. Er öffnet eine schwere Tür, schiebt die Jungen in den dunkel getäfelten Raum, und Jan bestaunt die hohen, mit Büchern angefüllten Regale. Besonders die goldgeprägten Märchenbücher liebt er. Eines zieht er heraus, lässt sich auf einen Sessel fallen und betrachtet lange die Zeichnungen.

Das Kunstzimmer des Internats Schondorf. Jans Freunde, Piet und Tom, haben ein riesiges Paket bekommen, aus Berlin, von ihrem Vater, der ein bedeutender Bühnenbildner ist. Gemeinsam mit Jan lösen sie die Schnüre und heben behutsam eine kleine Theaterszenerie aus der Kiste. Jan, Piet und Tom, die unter der Anleitung ihres Kunstlehrers Gollwitzer bereits Bühnenbilder für Schulaufführungen gebastelt haben, stellen das Modell, ein echtes Bühnenbildmodell des Deutschen Theaters in Berlin, auf einen Tisch. Dort bleibt es. Und Jan betrachtet es jeden Tag.

Eine Straße zieht sich in Kurven durch den Wald, ein fahrendes Auto, Sonne. Eine Ebene, dürres Gras, dahinter, schroffe Berge. Rechterhand die Straße, jetzt an einer steilen, kahlen Bergwand entlanglaufend, linkerhand, abschüssige Felsen, ein tiefblauer See. Das Auto, nun deutlich erkennbar ein gelber VW Käfer, bergan fahrend, die gelbe Mittellinie, durchtrennt das Bild. Ein Tunnel. Der VW fährt auf eine Schlucht zu, dunkle Nadelwälder, Dämmerung. Baumgrenze, graue, schneegefleckte Felsen, davor ein mächtiges graues Gebäude. So die aus einem Hubschrauber gefilmte Anfangssequenz von Stanley Kubricks Film „The Shining“.

Kubrick hatte von einem Bühnenbildner gehört, der wie er eine Leidenschaft für winzige, aber prägende Dinge, für Präzision noch im kleinsten Detail hat. Er wandte sich an Jan Schlubach – und der fand genau diese Straße, diese Berge und dieses Hotel, in dem dann eine Familie, eingeschneit und abgeschlossen von der Außenwelt, langsam in den Wahnsinn treibt.

Wenn Kubrick anrief und sagte: „Hör zu Jan, in meinem nächsten Film soll Napoleon Bonaparte durch den Saal eines Schlosses an der Loire laufen und sich auf einen Stuhl setzen. Wie muss dieser Stuhl aussehen?“, dann schlug Jan ein Buch auf, beschrieb in jeder Einzelheit einen Stuhl aus dem Jahr 1810, und Kubrick war begeistert.

Das Buch fand er ohne großes Suchen. Im Lauf der Jahre hatte er eine beispiellose Fachliteratursammlung angelegt: 60 Bücher über Treppen, 40 über Tapeten, 30 über Stühle …

Jans Liebe zum Detail hat Spuren hinterlassen. Nicht nur in den Ausstattungen von Opern, Theaterstücken und Filmen. Auch bei ihm zu Hause. Er war ein Block- und Zettelmensch, schrieb Hunderte Blöcke und Zettel voll und stapelte sie in seiner Berliner Wohnung. Er notierte alles: „Stanley anrufen“, „Krankenkasse bezahlen“, „Zuckmayers Brief beantworten“, „Wäsche abholen“.

Jan Schlubachs Erben sichten gerade die Blöcke und Zettel, sitzen da und hören mit dem Lesen nicht mehr auf. Sie spielen mit dem Gedanken, eine Biografie zu schreiben. Und sie sind im Gespräch mit der Akademie der Künste: Jan sprach einmal davon, dass sein eigentliches Werk seine Bibliothek ist. Und zwar eine, deren Bücher nicht langsam verstauben sollen. Möglicherweise werden die Bücher in Zukunft allen zugänglich sein, mit Leben erfüllt.

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