Wirtschaft : Japan: Die Börse im freien Fall

Ulrike Haak

Es sieht düster aus in Japan. Der Freudentaumel über den Sieg des dynamischen Regierungschefs Koizumi ist einen Monat später einer herben Ernüchterung gewichen. Abend für Abend diskutieren im staatlichen Fernsehsender NHK Wirtschaftsexperten Wege aus der Krise, während Firmenbosse Massenentlassungen bekannt geben müssen. Und die Hiobsbotschaften häufen sich: Am Mittwoch stürzte an der Tokioer Börse der Nikkei-225-Index erstmals seit 17 Jahren unter 11000 (10979,76) Punkte. Japans Minister fürs Finanzwesen, Hakuo Yanagisawa, hatte erklärt, die angeschlagenen Banken dürften noch sieben Jahre benötigen, um die Problemkredite zu 60 Prozent aus ihren Büchern zu tilgen. Darauf kam es zu starken Verkäufen bei Bankaktien, denn bisher war der Markt davon ausgegangen, dass die Regierung das Problem der faulen Kredite binnen drei Jahren lösen wollte.

Dabei spitzt sich die schlechte wirtschaftliche Situation schon seit Monaten zu: In der verarbeitenden Industrie ging die Produktion bereits im April um zwei Prozent zurück, gleichzeitig zogen Lagerbestände an. Die Nachfrage stagniert in Japan wie bei den Hauptabnehmern in den USA und Südostasien. Besonders betroffen von der globalen Wirtschaftskrise sind die japanischen IT-Unternehmen: Toshiba, Fujitsu, Nec und Hitachi haben ungewohnt drastische Restrukturierungsprogramme eingeleitet, durch die mehr als 57 000 Menschen ihre Arbeit verlieren werden. So kündigte Toshiba Anfang dieser Woche an, in Japan bis Ende März 2004 siebzehntausend Stellen abzubauen - zwölf Prozent der gesamten inländischen Belegschaft. Hitachi plant sogar 20 000 Entlassungen weltweit und der Elektronikgigant Fujitsu will seinen Mitarbeiterstab um mehr als 16 000 abbauen. Bei solchen Dimensionen nimmt sich der Restrukturierungsplan von Hitachi mit 4000 Entlassungen geradezu bescheiden aus.

In anderen Branchen gibt es neben Verlierern aber immer noch Gewinner, so zum Beispiel in der Automobilindustrie. Während Isuzu und Mazda Motor herbe Verluste beklagen mussten und umfangreiche Entlassungen planen, wartet Toyota mit den höchsten Gewinnen auf, die je ein japanisches Unternehmen verzeichnen konnte: Rund 4,2 Milliarden Euro hat der führende japanische Autohersteller im letzten Geschäftsjahr (Ende März 2001) erzielt - in diesem Jahr rechnet man mit ähnlich hohen Gewinnen.

Doch einzelne Lichtblicke können nicht über die allgemeine Lage hinwegtäuschen. Die Arbeitslosenrate ist von 4,8 im April bei Amtsantritt der Regierung Koizumi auf den neuen Rekordwert von fünf Prozent im Juli angestiegen, eine für japanische Verhältnisse unglaubliche Zahl. Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass die Arbeitslosenrate im nächsten halben Jahr auf 5,5 Prozent steigen wird. Der Druck der Regierung auf die Banken, sich möglichst schnell der faulen Kredite zu entledigen, wird eine Welle von Unternehmenszusammenbrüchen auslösen. Die Regierung selbst geht davon aus, dass noch einmal 400 000 bis 600 000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Folglich tauchte in den letzten Tagen ein neues Gesicht in den Medien auf, Etsuya Washio, Chef der mit acht Millionen Mitgliedern größten japanischen Gewerkschaft Rengo, fordert von Koizumi nachdrücklich mehr Geld und ein spezielles Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

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