Wirtschaft : Japan: Die Furcht vor einer Rezession steigt

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Das Schrumpfen der japanischen Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres hat die Furcht vor einer Rezession in Japan genährt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war nach Regierungsangaben vom Montag von Januar bis März 2001 zum Vorquartal um 0,2 Prozent gesunken. Im vergangenen Fiskaljahr, das am 31. März endete, war die japanische Wirtschaft den Angaben zufolge unerwartet gering um nur 0,9 Prozent gewachsen. Die Regierungsprognose hatte auf 1,2 Prozent gelautet.

Wirtschaftsminister Heizo Takenaka sagte, es werde schwierig, für das bis Ende März 2002 laufende Fiskaljahr das angestrebte Wachstum von 1,7 Prozent zu erreichen. In einer Wirtschaftskrise befinde sich Japan aber - im Gegensatz zu 1998 - nicht.

Lockerere Geldpolitik gefordert

Auch der Politik-Chef der regierenden LDP-Partei und Ex-Wirtschaftsminister Taro Aso bezeichnete es als unwahrscheinlich, dass die Wachstumsprognose der Regierung von 1,7 Prozent für das laufende Fiskaljahr erfüllt werden könne. Nach Einschätzung von LDP-Generalsekretär Taku Yamasaki könnte eine weitere Lockerung der Geldpolitik der japanischen Konjunktur helfen. Er hoffe, dass weitere und wirksamere geldpolitische Lockerungen vorgenommen würden.

Notenbank-Chef Masaru Hayami entgegnete jedoch: "Wir unternehmen genügend lockernde Schritte." Im März war die japanische Notenbank zu einer faktischen Nullzinspolitik zurückgekehrt. Die täglichen Guthaben der Banken werden seitdem stabil bei fünf Billionen Yen gehalten.

Wirtschaftsminister Takenaka bekräftigte, die Regierung werde an ihren geplanten Strukturreformen festhalten. Er sehe keine Notwendigkeit für eine Veränderung des grundlegenden politischen Rahmens. Die Gefahr einer Abwärtsspirale sehe er nicht. Eine Volkswirtschaft befindet sich der geläufigsten Definition zufolge in einer Rezession, wenn sie in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft.

Auch Regierungssprecher Yasuo Fukuda sagte, die Regierung sei entschlossen, ihre Reformpläne umzusetzen. Um über einen zusätzlichen Haushalt für das laufende Fiskaljahr nachzudenken, sei es aber zu früh, sagte Fukuda. Indes werden die Rufe nach höheren öffentlichen Ausgaben immer lauter. Die Steigerung öffentlicher Ausgaben ist in Japan traditionelles Instrument zur Belebung der Wirtschaft. Finanzminister Shiokawa sagte: "Wir ziehen einen zusätzlichen Haushalt derzeit nicht in Betracht."

Am Tokioter Aktienmarkt kam es unter dem Eindruck der am unteren Rand der Prognosen liegenden Daten zu einem deutlichen Rückgang des Kursniveaus. Der NikkeiIndex gab um 1,5 Prozent auf 13226,47 Punkte nach. Die japanische Währung fiel weiter auf 121,48 Yen/Dollar.

Japans Wirtschaft stehe vor der größten Kontraktion seit Beginn der neunziger Jahre, erklärte der Chef-Ökonom des Mitsubishi Research Institute, Johsen Takahashi, gegenüber dem Handelsblatt. Im laufenden Haushaltsjahr 2001/02 sei angesichts der Schwäche der Inlandsnachfrage mit einer Kontraktion des BIP um real ein Prozent zu rechnen. 2002/03 werde wegen der dann greifenden Reformen noch kritischer.

Während der private Verbrauch insgesamt auf dem Niveau der Vorperiode stagnierte, kam es im ersten Quartal dieses Jahres zu einem kräftigen Rückgang des privaten Wohnungsbaus und als Folge des starken Rückgangs der Auslandsnachfrage vor allem wegen des Wachstumseinbruchs in den USA auch zu einer erneuten Drosselung der privaten Sach- und Ausrüstungsinvestitionen. Wachstumsimpulse gingen lediglich von den staatlichen Infrastruktur-Investitionen aus.

Der für Wirtschafts- und Finanzpolitik zuständige Staatsminister Heizo Takenaka erklärte, die Zahlen zeigten die tatsächliche Lage der japanischen Wirtschaft. Welcher Art der Tunnel sei, in dem man sich befinde, werde durch die jetzt anstehenden gesellschaftlichen Entscheidungen determiniert. Bei ihm habe sich jetzt aber die Einschätzung verstärkt, dass ein Erreichen des offiziellen Wachstumsziels von 1,7 Prozent im laufenden Haushaltsjahr "außerordentlich schwierig" sei. Nach Rücksprache mit Ministerpräsident Junichiro Koizumi schloss der Minister allerdings erneut die Erarbeitung eines Nachtragshaushalts aus.

Der Chef-Ökonom des Sanwa Research Institute, Yuji Shimanaka, erklärte gegenüber dem Handelsblatt, um im laufenden Fiskaljahr zumindest ein Realwachstum von einem halben Prozent zu erreichen, sei ein Nachtragshaushalt von drei Billionen Yen - rund 30 Milliarden Euro - und eine noch weitergehende Lockerung der Liquiditätsversorgung der Wirtschaft durch die Bank von Japan erforderlich. Wünschenswert seien hierzu Beschlüsse der Notenbank noch in dieser Woche.

Takahashi plädiert demgegenüber für eine konsequente Verwirklichung der von der Regierung Koizumi geplanten Reformen statt weiterer Morphium-Spritzen zur Schmerzminderung. Der Handlungsspielraum in der Geldpolitik sei ausgeschöpft. Das fiskalpolitische Instrumentarium habe sich als unwirksam erwiesen. Takahasi: "Japan steht vor einer extrem schwierigen Reise."

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