Wirtschaft : Japan in der Krise: Leitbörse fällt auf 16-Jahres-Tief

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Am Tokioter Aktienmarkt ist es am Wochenbeginn an allen Marktsegmenten zu einem weiteren drastischen Rückgang des Kursniveaus auf breiter Front gekommen. Der Nikkei 225-Index gab weitere 456,53 Punkte oder 3,6 Prozent nach und fiel damit auf das niedrigste Niveau seit April 1985. Maßgeblich für den weiteren Kursniveauverfall war die Entwicklung am amerikanischen Nasdaq-Markt am vergangenen Freitag. Die Unsicherheit über die Ertragsaussichten von Elektronik- und IT-Werten hatte erneut zugenommen.

Insbesondere kamen am Montag in Tokio Elektronik- und Telekomwerte, Einzelhandelstitel angesichts des schwachen privaten Verbrauchs sowie Bankwerte unter Verkaufsdruck. Zu den Verlieren gehörten Sony, NEC und Fujitsu sowie die Chiptitel Advantest, Tokyo Electron und Kyocera. Auch der Mobilfunkriese NTT DoCoMo sowie die Telekomkonzerne NTT und Japan Telecom sackten ab. Ebenso tendierten Bankaktien auf breiter Front schwächer, darunter Tokyo-Mitsubishi, Sanwa und Sakura. Damit trugen die Anleger dem erhöhten Geschäftsrisiko dieser Institute Rechnung, die vor allem mit dem Mittelstand zusammenarbeiten.

Das am Morgen bekannt gegebene Wirtschaftswachstum im letzten Quartal 2000 von 0,8 Prozent konnte die Börsianer nicht beeindrucken. Angesichts der schwachen Konsumausgaben, die rund 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Japans ausmachen, und eines erwarteten Rückgangs der Kapitalinvestitionen der Unternehmen fürchten Analysten, dass der Quartalszuwachs nur von kurzlebiger Natur war. Ein übriges tat die weitere Abschwächung des Yenkurses sowie die anhaltende Regierungskrise, an der auch das am Freitagabend vorgelegte "Wirtschafts-Notprogramm" nichts ändern konnte. Das ordnungspolitisch bedenkliche und hinsichtlich seiner Wirksamkeit fragwürdige Projekt einer faktisch staatlich initiierten Aktienmarktstabilisierung hatte bereits unmittelbar nach Bekanntgabe bei Brokerhäusern große Skepsis ausgelöst.

Nach dem erneuten Kurssturz der Nasdaq wird ein Abgleiten des Nikkei-Index unter die Marke von 12 000 Punkten nun nicht mehr ausgeschlossen. Eine Trendwende am Aktienmarkt ist jedenfalls nicht in Sicht. Damit bleiben die japanischen Standardaktien so niedrig bewertet wie zuletzt vor 15 Jahren. Vor allem High-Tech-Aktien dürften nach den schlechten Vorgaben aus den USA in der kommenden Woche zu den Kursverlierern gehören, erklärten Wertpapierhändler. Zudem erwarten die Börsianer wegen der Auflösung gegenseitiger Beteiligungen von Banken und Industrie einen anhaltenden Abgabedruck. Dies könnte, so die Einschätzung am Aktienmarkt, zu "Verzweiflungsverkäufen" institutioneller Anleger wie Pensions- und Investmentsfonds führen.

Bis zur Jahresmitte prognostiziert der Chef-Ökonom des Mitsubishi Research Institute, Josen Takahashi, angesichts der jetzt wieder offen zu Tage getretenen Deflationstendenzen ein Nikkei-Indexniveau an der 10 000 Punktemarke. Wie er dem Handelsblatt weiter sagte, hält er sogar einen Stand von nur noch 8000 Punkten am Jahresende für möglich.

Trotz der allgemeinen Marktschwäche gab es Kaufempfehlungen für einzelne Werte: HSBC Securities empfahl die führende Immobiliengesellschaft Sumitomo Realty & Development mit Blick auf die moderne Gebäudestruktur und die günstigen Standorte. JP Morgan Securities riet zum Kauf des führenden Kunststoffherstellers Japans Hitachi Chemical (Hitachi-Gruppe) mit Verweis auf die starke technologische Position bei Chemikalien für die Elektronikindustrie, insbesondere bei der Herstellung der Infrastruktur für die Mobil-Telekommunikation, Servern oder Lithium-Ionen-Akkus.

Die Credit Suisse First Boston Securities empfahl die Muttergesellschaft Hitachi Ltd. auf Grund der Verbesserung der Ertragslage im Computergeschäft. Deutsche Securities legte den Anlegern Tokyo Gas nahe. Die Fachleute begründeten ihre Empfehlung mit der erwarteten weiteren Steigerung der Nachfrage.

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