Wirtschaft : Japan in der schwersten Krise seit Jahren

Nikkei-Index nur noch knapp über historischem Tiefstand / Erneuter Kurseinbruch an den asiatischen Börsen

TOKIO / STUTTGART (dpa/rtr).Rückbliêkend müsse er sagen, 1997 sei das schwerste Jahr in der Geschichte seiner Firma gewesen, sagte der Präsident des japanischen Autoproduzenten Mitsubishi Motors Corp.am Montag.Doch 1998 werde wahrscheinlich "ein Jahr, in dem buchstäblich das Überleben von Mitsubishi auf dem Spiel stehen könnte".Katsuhiko Kawasoes Beschreibung paßt für die gesamte japanische Wirtschaft: schlechte Umsätze, rückläufige Gewinne, Kursstürze an der Börse, Angst um die von faulen Krediten geplagten Banken, spektakuläre Konkurse, Entlarvung von Managern von Unternehmen mit klangvollen Namen als Kollaborateure der Unterwelt (Sokaiya).Dazu kommt die Währungskrise in Asien, die Exporte und Einnahmen japanischer Firmen beeinträchtigt und Banken zu den hausgemachten faulen Kredite zusätzliche Problemkredite bringt. Sichtbarster Ausdruck ist der Verfall der Aktienkurse, von dem praktisch kein Unternehmen verschont blieb.Der Nikkei-Index für 225 führende Werte, der 1996 noch mit 19 361,35 Punkten schloß, ist zwölf Monate später nur noch knapp von dem Tiefpunkt von 14 309,41 Punkten entfernt, auf den er im August 1992 nach dem Ende der spekulationsgetriebenen "Seifenblasenkonjunktur" gestürzt war.Seinen Höchststand hatte der Nikkei-Index mit 38 985,57 Punkten Ende 1989 erreicht.Seitdem haben die anderen Weltbörsen einen ungeahnten Höhenflug gehabt.In Frankfurt stieg der Deutsche Aktienindex seit 1989 beispielsweise von 1790 auf rund 4085 Punkte. Die Angst vor weiteren Firmenpleiten führte auch am Montag an den südostasiatischen Finanzmärkten zu Kurseinbrüchen.In Tokio schloß der Nikkei erstmals seit zweieinhalb Jahren unter der psychologisch wichtigen Marke von 15 000 Punkten.Auch an den übrigen Aktienmärkten der Region sanken die Kurse deutlich.Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte zuvor erklärt, die Auswirkungen der Finanzkrise in Asien seien noch längst nicht überstanden.Der Nikkei-Index verlor 3,37 Prozent auf 14 799,40 Punkte.Bereits am Freitag war das Kursbarometer um mehr als fünf Prozent eingebrochen.Der Pessimismus auf dem Börsenparkett finde einfach kein Ende, sagten Händler.Die Schritte der Regierung zur Stützung der Wirtschaft und des angeschlagenen Finanzsystems seien nicht ausreichend.Die Anleger sorgten sich, daß die Banken ihre Kreditvergabe stark einschränkten.Dann seien weitere Firmenzusammenbrüche programmiert.Erst am Donnerstag hatte das mit rund sieben Mrd.DM verschuldete Großhandelsunternehmen Toshoku Gläubigerschutz beantragt. Zuletzt war es die Finanzkrise in Asien, die die wirtschaftliche Erholung in Japan beeinträchtigte.Ins Stocken geraten war die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schon früher.Im April hatte die Regierung ungeachtet mancher Warnungen vor den Folgen für die heimische Nachfrage die Umsatzsteuer von drei auf fünf Prozent erhöht, Erleichterungen bei der Lohnsteuer abgeschafft und Sozialabgaben erhöht.Rund neun Billionen Yen betrug die Belastung.Die Verbraucher reagierten mit unerwartet großer Kaufzurückhaltung.Die teilweise Rücknahme der Entscheidung mit der einmaligen Einkommensteuersenkung von zwei Billionen Yen, Steuererleichterungen für Unternehmen und die Rückendeckung mit öffentlichen Geldern von zehn Billionen Yen zur Sicherung von Vertrauen in die Finanzinstitute sind nach dem Urteil von Experten zu wenig für eine spürbare Wende.Viele glauben, daß sich die Regierung Hashimoto nicht mehr sehr lange an das im Prinzip richtige Ziel klammern können werde, die maroden Staatsfinanzen bis 2003 zu sanieren. "Die Verantwortung für die Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft liegt bei der Regierung, die sie auch erstickt hat", schrieb die Wirtschaftszeitung "Nikkei Weekly".Wenn die Wirtschaft weiter stagniere, komme die Sanierung des Finanzsystems zum Stillstand, wachse die Angst vor Arbeitslosigkeit und werde es auch schwieriger, die Turbulenzen in Asien zu meistern. Die südostasiatischen "Tigerstaaten" werden nach Einschätzung des neuen Südostasien-Beraters der Weltbank, Ullrich Cartellieri, ihre Finanzkrise "relativ schnell überwunden" haben.Im Deutschlandradio Berlin sagte der ehemalige Manager der Deutschen Bank am Montag, er sei überzeugt, "daß nach wenigen Jahren diese Länder mit stärkeren Strukturen als zuvor ihr Wachstum fortsetzen" würden.Die Finanzmarktkrise sei vergleichbar mit der Entwicklung Europas und Nordamerikas während der Industrialisierung im 19.Jahrhundert.Der Einfluß der "Übergangs- und Anpassungskrise" auf die Weltwirtschaft werde überschaubar bleiben.

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