Wirtschaft : Japan: Japanische Wirtschaft braucht mehr als ein Wunder

Ulrike Haak

So oft wie in den letzten drei Monaten ist in Japan nie zuvor das Wort "Reform" gefallen. "Kaeyo", spricht Regierungschef Koizumi, "wir wollen den Wandel." Bisher ist er nicht ins Detail gegangen. So hat er seine Liberaldemokratische Partei (LDP) vergangenen Sonntag zu einem überragenden Sieg bei den Oberhauswahlen verholfen, und so kann er mit seiner Wiederwahl zum LDP-Parteichef noch in diesem Monat rechnen. Doch der agile Koizumi kämpft nicht nur um Reformen in der eigenen Partei, er tritt an gegen ein verlorenes Jahrzehnt.

Seit dem Platzen der Bubble Economy vor gut zehn Jahren dümpelt das Wirtschaftswachstum dahin, die traumhaften Wachstumsraten der achtziger Jahre wurden nie wieder erreicht. Nur kurzfristig erholte sich die Wirtschaft unter Konjunkturprogrammen der Regierung in den Jahren 1996 und 1997 mit Wachstumsraten von 3,0 und 4,4, Prozent, um dann 1997/98 im Zuge der Asienkrise um so stärker einzustürzen. Seither reichten nachfrageorientierte Konjunkturprogramme wechselnder Regierungen unter den früheren Premiers Hashimoto, Obuchi und Mori für eine stabile wirtschaftliche Belebung nicht aus: Im ersten Halbjahr 2001 habt Japans Industrie weniger produziert, die Investitionen gehen in vielen Sektoren zurück, darunter Schlüsselbranchen wie Elektro- und Elektronikindustrie.

Die verunsicherten Verbraucher scheuen sich, verstärkt zu konsumieren. Wichtige Handelspartner, allen voran die USA, leiden unter konjunkturellen Schwierigkeiten, was sich negativ auf den traditionell starken Export auswirkt. Für das Fiskaljahr, das in Japan am 31. März 2002 endet, spricht die Regierung offiziell von einem Wachstum nahe Null. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose zur Entwicklung der japanischen Wirtschaft 2001 bereits von 1,2 Prozent auf 0,6 Prozent nach unten revidiert.

Luxusgüter immer noch sehr gefragt

Die Wirtschaft lahmt, doch auf hohem Niveau. Als in diesem Sommer das französische Luxusunternehmen Louis Vuitton auf der Prachtstraße Ginza sein edles Geschäft eröffnete, verbrachten angehende Kundinnen die Nacht auf dem Bürgersteig, um sich am nächsten Tag die besten Stücke zu sichern. Fast die Hälfte aller auf der ganzen Welt produzierten Luxusgüter werden nach einer Analyse von Goldmann Sachs in Japan verkauft. Die Lage mag ernst sein, die Kaufhäuser glitzern nach wie vor, auf den Straßen fahren die neusten Modelle japanischer und europäischer Hersteller. Den meisten Japanern geht es immer noch gut, auch wenn der auf wenige Branchen beschränkte Konsum nicht entscheidend das Wachstum vorwärts treibt.

Zwar liegt die Arbeitslosenquote bei für japanische Verhältnisse hohen 4,9 Prozent, der Beliebtheit Koizumis hat sie aber keinen Abbruch getan. Der Volkstribun siegte, und prompt brach der Nikkei-Index um fast zwei Prozent auf ein neues Rekordtief ein. "Ich kann nur hoffen, daß Koizumi nicht alles durchsetzen kann, was er geplant hat", sagt William Todebush, Investmentbanker bei Lehman Brothers. "Die Wirtschaft braucht eine gemäßigte, gesunde Inflation, aber mit den ehrgeizigen Reformplänen Koizumis treibt Japan nur weiter in die Deflation." Koizumi, unter politischem Erfolgsdruck, will schnelle Reformen, Experten raten dagegen, eine vorsichtige Gesundung der Wirtschaft abzuwarten. Allein für das Bankwesen, das sich der faulen Kredite nach dem Willen Koizumis möglichst rasch entledigen soll, sagen Analysten 1,7 Millionen Arbeitslose voraus. Reformen werden Japans Wirtschaft bis in die Grundfeste erschüttern. Manager und Wirtschaftslenker müssen sich von genuin japanischen Prinzipen der Unternehmensführung verabschieden.

Abschied von der Tradition

Einer der Giganten der japanischen Industrie trat nur einige Tage nach dem berauschenden Wahlsieg Koizumis mit einer erschütternden Nachricht an die Öffentlichkeit: Matsuhita Electric Industrial Co., im Westen eher bekannt durch die Marke Panasonic, musste erstmals seit dreißig Jahren Verluste bekanntgeben und will außerdem Frühpensionierungen einführen. Matsushita ist nicht das einzige Unternehmen, dass so wichtige Prinzipen wie die Tradition auf lebenslange Beschäftigung aufkündigt. Bei den Automobilherstellern Isuzu und Mitsubishi Motors stehen gar Entlassungen von mehreren tausend Mitarbeitern an.

Analysen des japanischen Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) zeigen eines klar: Japanische Firmen leiden neben der schwachen Binnenkonjunktur mehr und mehr unter der Konkurrenz ihrer asiatischen Nachbarn, die mit billiger Arbeitskraft und zunehmend qualifiziertem Know-how unschlagbare Wettbewerbsvorteile besitzen. Die schwerfälligen und durch staatliche Protektionen bequem gewordenen japanischen Unternehmen sehen sich auch durch den starken Yen gezwungen, in den asiatischen Nachbarländern zu produzieren, oder aber die Kosten durch neue Arbeitsmodelle im eigenen Land zu senken.

So stehen beim Automobilhersteller Nissan seit diesem Sommer Arbeiter des Zulieferbetriebs Calsonic Kansei in einer Montagehalle in der Tochigi Präfektur mit am Band, und Nissan profitiert von den niedrigeren Lohnkosten, die bei Calsonic um zehn Prozent unter denen des Unternehmens Nissan liegen. Nur eine von vielen Möglichkeiten, das fest gefügte Prinzip der "Keiretsu", der japanischen Unternehmensnetzwerke, aufzubrechen. Vor allem in der Baubranche ist Deregulierung vonnöten, und hier will Koizumi auch, neben seinen Plänen zur Postreform, ansetzen. In den Branchen Maschinenbau, Automobil, Elektrotechnik und Elektronik ist Japan relativ stabil, auch wenn die Unterhaltungselektronik unter der Konkurrenz aus China leidet. Lange vernachlässigte Zukunftsbranchen wie Informationstechnologie, Bio- und Gentechnologie, Pharmazie, Nanotechnologie und Umwelttechnologie gilt es zu stärken.

Besonderes Augenmerk richteten schon die beiden Vorgänger Koizumis auf die IT-Branche: Milliardenbeträge fließen in Regierungsprogramme unter dem Label "E-Japan", um in zwei bis drei Jahren zumindest in dieser Zukunftsbranche gleich auf zu sein mit der US-Konkurrenz. Ein Wunder hat Koizumi schon vollbracht: seinen überragenden Wahlsieg. Doch um Japan auf einen gesunden Wachstumspfad zu führen, braucht der Regierungschef mehr als nur ein Wunder - die Kraft risikofreudiger und innovativer Unternehmen, motiviert durch Deregulierung und strukturelle Reformen.

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