Wirtschaft : Japan rutscht ab

Industrieproduktion fällt um mehr als 15 Prozent – Honda, Nippon Steel und Panasonic verlieren

Düstere Aussichten. Notenbank-Chef Masaaki Shirakawa rechnet nur noch mit halb so viel Wachstum. Erst im Herbst sei eine Erholung zu erwarten. Foto: Reuters
Düstere Aussichten. Notenbank-Chef Masaaki Shirakawa rechnet nur noch mit halb so viel Wachstum. Erst im Herbst sei eine Erholung...Foto: REUTERS

Tokio - Erdbeben, Flutwelle und Atomkatastrophe werfen die japanische Wirtschaft nach Einschätzung der Notenbank weit zurück. Erst ab Oktober sei wieder mit einer stärkeren Konjunkturerholung zu rechnen, teilten die Währungshüter am Donnerstag mit. Vor allem die Industrie werde von der Naturkatastrophe hart getroffen, weil die Lieferketten unterbrochen seien. Abzulesen war dies auch an den Zahlen, die Nippon Steel, der größte Stahlkonzern des Landes, der Elektronikkonzern Panasonic sowie der Autohersteller Honda am Donnerstag vorlegten.

Die Notwendigkeit, der Wirtschaft mit noch mehr Geld unter die Arme zu greifen, sehen die Notenbanker gleichwohl nicht. Das Programm zum Ankauf von Wertpapieren stockten sie nicht auf. Damit wurden die Erwartungen von Volkswirten enttäuscht, die mit einem neuerlichen Einschreiten der Bank von Japan gerechnet hatten. Anlass für die Zurückhaltung der Währungshüter ist die eigentliche Ursache für die Konjunkturabkühlung: Zu schaffen macht den Firmen nicht eine fehlende Nachfrage, sondern Einschränkungen in der Produktion, weil Fabriken zerstört sind und Teile fehlen.

Im März, als das Beben Japan erschütterte, brach die Industrieproduktion des Landes um 15,3 Prozent ein. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Datenerhebung. Eine Umfrage unter den Einkaufsmanagern deutet ebenfalls auf Rückgänge hin. Auch bei den Verbrauchern hinterlässt die Katastrophe tiefe Spuren: Sie gaben im März 8,5 Prozent weniger aus als im Vorjahr, das ist ebenfalls ein Rekordminus. Die Bank von Japan rechnet nicht damit, dass die Wirtschaft schnell wieder Fuß fasst. Sie erwartet für das Fiskaljahr 2011/2012 (bis Ende März 2012) ein Wachstum von lediglich 0,6 Prozent. Vor dem Beben hatten die Währungshüter noch mit 1,6 Prozent gerechnet.

Dabei ist nicht nur das Beben Grund für die Abkühlung: Ende des vergangenen Geschäftsjahres rutschte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach Berechnungen der Notenbank sogar in die Rezession zurück. Immerhin ist für 2012 Besserung in Sicht, wenn der Wiederaufbau in den vom Erdbeben besonders betroffenen Gebieten läuft. Für das Geschäftsjahr bis März 2013 erwarten die Notenbanker ein Wachstum von 2,9 Prozent.

Bei Nippon Steel brach der Überschuss im abgelaufenen Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zwei Drittel auf 11,2 Milliarden Yen (930 Millionen Euro) ein, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Drei Werke wurden bei der Naturkatastrophe beschädigt. Schwerer wiegt, dass die Produktion vor allem der Autohersteller nicht wieder voll angelaufen ist.

Honda, der drittgrößte Autobauer des Landes, wies für das vierte Geschäftsquartal bis Ende März wegen zahlreicher Ausfälle in der Lieferkette einen Gewinnrückgang um 52 Prozent aus. Das Schlimmste steht aber noch bevor. Das bis Juni laufende erste Quartal werde „sehr hart“ und die folgenden Quartale „vielleicht noch schlimmer“, warnte Honda-Finanzchef Fumihiko Ike bei der Vorlage der Jahresbilanz.

Panasonic kündigte am Donnerstag an, weiter massiv Stellen abbauen zu müssen. Binnen zwei Jahren sollen 17 000 Jobs und damit fünf Prozent der Belegschaft wegfallen. Bis März 2013 sinke die Zahl der Mitarbeiter damit auf 350 000. Binnen drei Jahren verabschiedet sich der Konzern damit von 35 000 Mitarbeitern. Mit den Folgen des verheerenden Bebens in Japan haben die neuen Sparmaßnahmen offenbar nichts zu tun. Aber die Naturkatastrophe dürfte sich auch bei Panasonic negativ auf die Geschäfte auswirken: Der Gewinn sank bereits im vierten Geschäftsquartal um fast ein Drittel auf umgerechnet 338 Millionen Euro.

Gerade die Industrie dürfte noch länger leiden. „Die Industrieproduktion dürfte nicht vor dem Herbstquartal dahin zurückkehren, wo sie vor dem Erdbeben war“, sagte Kiichi Murashima von Citigroup Global Markets. Es wird damit gerechnet, dass die Regierung Anfang Mai einen Extrahaushalt mit einem Volumen von vier Billionen Yen (etwa 33 Milliarden Euro) auflegt. Ein zweiter Nothaushalt dürfte deutlich umfangreicher ausfallen. Unklar ist noch, wie er finanziert wird. Schon jetzt ist Japans Schuldenberg mehr als doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung. dpa/rtr

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