Wirtschaft : Japan: Sozialsysteme müssen umgebaut werden

Ulrike Haak

Ein festes Arbeitsverhältnis gehört für Japaner seit Generationen zur Normalität. Wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Arbeitsleben wird sich das nun ändern. Die angekündigten massiven Entlassungspläne großer japanischer Unternehmen wie Hitachi und Toshiba sind neu in ihrer Art. So scharf und hart wurde in Japan nie über Arbeitsplätze entschieden. Frühpensionierungen gab es, zum Teil wurden weniger neue Stellen besetzt. Die gegenwärtige Rezession setzt aber neue Maßstäbe.

Fest angestellt zu sein bei einem großen japanischen Unternehmen ist das höchste Ziel jedes Berufsanfängers. Wer fest angestellt ist, muss nicht damit rechnen, seine Arbeit zu verlieren. Der Betrieb sorgt für angemessene Rente im Alter, übernimmt mitunter sogar die gesamten Kosten für die Krankenversicherung. Lebenslang blieb man in Japan dem Unternehmen verbunden, denn nur so kam man in den Genuss der angesparten Betriebsrente. Beim Wechsel in ein anderes Unternehmen gingen diese Ansprüche verloren.

Seit diesem Monat ist das nun anders: nach dem Vorbild der USA hat die Regierung eine neue Form von Betriebsrenten eingeführt, Unternehmen wie Arbeitnehmern steht es frei zu wählen zwischen dem alten Betriebsrentensystem, in dem das Unternehmen die Risiken für die garantierten Spareinlagen des Angestellten trug, oder für die neue Form, bei der Risiko wie Gewinn in den Händen des Arbeitnehmers liegt. Der kann frei entscheiden, wie und wo er seine Einlagen anlegt, und die Ansprüche verliert er auch beim Wechsel in ein anderes Unternehmen nicht. So sollen mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: keine Angst mehr vor Job-Hopping und Neuanfang, finanzielle Entlastung der Unternehmen, die eventuelle Verluste aus eigener Tasche begleichen mussten, und mehr private Investitionen am Aktienmarkt. Ein brachliegendes Feld, denn nach Angaben der Bank von Japan (BoJ) legt der durchschnittliche japanische Haushalt mehr als 80 Prozent seines Geldes in Versicherungen und Spareinlagen an, nur kümmerliche 6,5 Prozent fließen in den Aktienhandel.

Das soziale Netz war in Japan bisher gewebt vor allem aus familiärer Unterstützung, Nachbarschaftshilfe und nicht zuletzt dem sorgenden Unternehmen. Der Staat half aus, aber lange nicht in dem Maße wie in anderen Industrienationen. Seit den sechziger Jahren sind alle Erwerbstätigen abgesichert in einer gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau. Eigeninitiative war also schon immer gefragt, vor allem der Familienverbund. Die staatliche Grundrente erhält jeder, unabhängig davon, ob und wie lange er gearbeitet hat. Die Pflichtrente (umgerechnet 850 Mark) reicht für den Lebensunterhalt nicht aus, und so setzen mehr als neunzig Prozent aller japanischen Haushalte auf eine private Lebensversicherung zur Existenzsicherung.

Wer in Japan seine Arbeit verliert, erhält im Regelfall nur für die Dauer eines einzigen Umschulungsprogramms - sechs Monate lang - staatliche Bezüge. Die Reformpolitik der Regierung und die lang anhaltende Wirtschaftsflaute, das ahnen die Japaner bereits, wird die Arbeitslosenzahlen weiter nach oben treiben. Deshalb bemüht sich die Regierung um neue Gesetze: so werden in Ausnahmefällen wie Bankrott oder Massenentlassung seit April dieses Jahres immerhin schon bis zu 330 Tage lang Arbeitslosengeld gezahlt. Noch in diesem Herbst soll ein neues Gesetz verabschiedet werden, das allen Arbeitslosen Bezüge über zwei Jahre hinweg sichert.

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