Wirtschaft : Japaner machen die Energiewende

Während die Regierung auf Atomkraft setzt, entscheiden sich immer mehr Bürger für Solarstrom.

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Rauf aufs Dach. Immer mehr Japaner begeistern sich – hier auf einer Messe in Tokyo – für Strom aus Sonnenenergie. Foto: dpa
Rauf aufs Dach. Immer mehr Japaner begeistern sich – hier auf einer Messe in Tokyo – für Strom aus Sonnenenergie. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Das Thema Energiewende dominierte die Wahlen für das obere Haus des japanischen Parlaments. Überraschend ist dabei, dass trotz der verbreiteten Anti-Akw-Stimmung die stärkste Partei nach wie vor die liberaldemokratische Partei von Ministerpräsident Shinzo Abe ist. Und die ist für Akws. Eine mögliche Erklärung für den Widerspruch: Die japanischen Familien treiben jenseits der politischen Auseinandersetzung eine eigene, private Energiewende voran.

Um diese zwei entgegengesetzten Aspekte der japanischen Energiepolitik verstehen zu können, muss man etwa 80 Kilometer fahren – von Oi an der Küste bis zum Bergdorf Sanno. In Oi befindet sich das einzige aktive Akw des Landes. Alle anderen Reaktoren wurden infolge der Fukushima-Katastrophe vom Netz genommen, damit die Atomsicherheitsbehörde Kontrollen durchführen konnte. Trotz massiver Proteste der umliegenden Kommunen bekam das Akw in Oi die Genehmigung, zwei Reaktoren wieder hochzufahren.

In Sanno ist Atomenergie kein Thema mehr. Das Dorf ist die erste Gemeinde Japans, die komplett durch eine eigene Solaranlage mit Strom versorgt wird. Im Dorf leben etwa 40 Menschen, und das Durchschnittsalter liegt bei 60 Jahren. Die Bauern von Sanno waren die ersten Protagonisten der japanischen Energiewende. Laut Angaben der Beratungsfirma IHS kommt Schwung in die Wende. Allein in diesem Jahr könnte der japanische Solarstrommarkt um 120 Prozent wachsen. Die Gesamtleistung wird um geschätzte fünf Gigawatt (GW) zulegen. Allein im ersten Quartal ist sie bereits um ein GW gestiegen – das entspricht einem Zuwachs um 270 Prozent.

Japans Solargeschichte beginnt in den 70er Jahren, als das asiatische Technologie-Wunderland zum ersten Mal versuchte, seine Abhängigkeit vom Importöl zu reduzieren. Die Regierung begann, immer mehr Geld in die Fotovoltaik-Branche zu investieren. Dank massiver Einspeisevergütungen wurde Japan in den 90er Jahren zum Solarweltmeister.

Als Ministerpräsident Junichiro Koizumi im Jahr 2005 die Vergütungen strich, rutschte Japan schnell auf Platz drei ab – hinter Deutschland und Spanien. Drei Jahre später wurde das Bezahlmodell wieder eingeführt. Nun sieht es so aus, als ob das Land der aufgehenden Sonne Deutschland auf dem ersten Platz ablösen wird. Für die nächsten zwanzig Jahre erhalten die Japaner, die sich für Solarstrom entscheiden, 42 Yen pro Kilowattstunde: Zweimal so viel wie in Deutschland. Obwohl die neue Regierung vor zwei Monaten die Vergütungen um vier Yen kürzte, bleibt das Angebot verlockend.

Es war vor allem der ehemalige Industrieminister Yukio Edano, der die Energiewende vorantrieb. Der Mann, der nach der Tsunami-Katastrophe die Aktivität der Arbeiter im Fukushima-Akw koordinierte, wollte das Land für immer von der Atomenergie unabhängig machen. Doch der Wahlsieg der Liberaldemokraten bei der Parlamentswahl im Dezember machte Edano einen Strich durch die Rechnung. Der neue Ministerpräsident Shinzo Abe zweifelte nie daran, dass Japans Wohlstand von der Atomenergie abhängig ist. Schließlich war es seine Partei, die LDP, die in der Nachkriegszeit den regionalen Stromkonzernen half, das heutige Akw-Netz aufzubauen.

Doch die Fukushima-Katastrophe hat die Japaner skeptisch gemacht. Umfragen zufolge würden 70 Prozent der Wähler gerne auf Atomenergie verzichten. Die Abe-Regierung agiert vorsichtig. Früher reichte es, einen Sportplatz neben dem Akw zu bauen, um die lokale Bevölkerung zufriedenzustellen. Doch jetzt hat sich das Klima geändert. Sobald ein Reaktor hochgefahren werden soll, entstehen Protestbewegungen, an denen sich oft hochrangige Politiker beteiligen.

So führen viele japanische Haushalte ihre eigene Energiewende durch. Fast 20 Milliarden Euro werden die Japaner in diesem Jahr für Solar-Komponenten ausgeben. Gleichzeitig sehen immer mehr Unternehmen den Solarstrom als Lösung, um die vom Akw-Stopp erzeugten Versorgungsengpässe zu überwinden. Vorreiter dieses Trends war die Telefonfirma Softbank, die verschiedene Solarfelder im ganzen Land betreibt. Nun soll auch Goldman Sachs in der Provinz Ibaraki eine eigene Solaranlage bauen lassen. Inzwischen decken Solarstrom und Atomstrom jeweils zwei Prozent der nationalen Stromversorgung ab.

Teile der Wirtschaft sehen in der Vergütungspolitik eine Gefahr für den Strommarkt. Der Industrieverband Keidanren warnte kürzlich davor, die Kosten der Energiewende zu stark auf die Verbraucher abzuwälzen. Doch in den Industriekreisen sorgt der Solarboom meistens für gute Laune. Denn es profitieren vor allem nationale Hersteller. Anders als in Europa konnte China in Japan nur bedingt mit seinen Billigwaren punkten. Die japanischen Verbraucher gelten als patriotisch und markentreu: Selbst wenn die Solarkomponenten zweimal so viel wie im Ausland kosten, bleiben sie meistens den nationalen Herstellern – Sharp, Sanyo, Kyocera – treu. Außerdem ist das Zertifizierungsverfahren für Importgüter sehr streng – zum Wohle der heimischen Industrie.

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