Wirtschaft : Jaroslav Koutecký

(Geb. 1922)||In der Heimat galt er als Verbrecher, im Ausland als Kapazität.

Kirsten Wenzel

In der Heimat galt er als Verbrecher, im Ausland als Kapazität. Wenn man im Internet-Lexikon „Wikipedia“ den Eintrag zu Kromeriz liest, erfährt man nicht nur, dass die kleine tschechische Stadt in der Haná-Ebene wegen der Schönheit ihrer Altstadt gelegentlich auch „Haná-Athen“ genannt wird. Man kann auch etwas über Jaroslav Koutecký aus Berlin lesen: unter dem Stichwort „Berühmte Bürger der Stadt“. Das zu sehen, hätte ihn gefreut – nach den Jahrzehnten, die vergangen sind, seit er seine Geburtsstadt und sein Heimatland, die damalige Tschechoslowakei, verlassen hat.

Es geschah im Jahr 1969: Jaroslav Koutecký, Professor für physikalische Chemie und Mitglied der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften reiste mit zwei Koffern zu einer Konferenz nach Kanada, von der man ihn in Prag bald zurückerwartete. In seine Pläne hatte er noch nicht einmal die Mutter eingeweiht. In Kanada wartete ein neues Leben auf ihn, ehemalige Schüler hatten bereits eine Gastprofessur vorbereitet. Jaroslav Koutecký war damals 47 Jahre alt.

Anerkannt im Kreis seiner Kollegen als Gründer der quantenchemischen Schule in der Tschechoslowakei, brachte er Ahnungslose durcheinander, die wissen wollten, was er tat: „Ich befasse mich mit der physikalischen Chemie oder der chemischen Physik. Ganz wie Sie wollen.“

In der Welt der Naturwissenschaften spielten politische Barrieren keine Rolle. Gute Wissenschaftler wurden überall gesucht. Für seine Forschungen zur Theorie der Atom-Cluster, interessierten sich die Kanadier genauso wie die Amerikaner und die Deutschen. Und natürlich auch die Tschechoslowaken, die ihn nach seiner Flucht in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilten.

Er war ein Wissenschafter, wie er im Buche steht. Zum Autofahren zu zerstreut, immer in Gedanken verfangen weit außerhalb der schnöden Alltäglichkeit. Auf einem Foto aus jüngeren Jahren sieht man ihn in angeregter Diskussion mit seinem Chef. Es ging um Differenzialgleichungen, er trägt einen weißen Laborkittel und balanciert eine gigantische schwarze Brille auf der Nase.

Dabei hätte er sich in seiner Jugend beinahe für die Fächer Kunstgeschichte und Philosophie entschieden – die Freundschaft zu Malern war ihm sein Leben lang besonders wichtig. Auch seine Studienzeit selbst war ungewöhnlich. Er war fast 24 Jahre alt, als er beginnen konnte. Und es dauerte ganze drei Jahre, bis er promoviert hatte.

Doch nebenher bekundete er seine politische Meinung etwas zu oft. Als dann noch sein erster Ausreiseversuch scheiterte, steckte man ihn für ein Jahr ins Internierungslager, wo er als Metallarbeiter schuftete.

Alles hätte vorbei sein können, so wie bei dem schweren Autounfall einige Jahre später, bei dem er fast das Leben verlor und sein Bein schwer beschädigt wurde. Doch Jaroslav Koutécky hatte bemerkenswert viel Glück in seinem Leben: Bei der Bewährung als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Fabrik lernte er die richtigen Kollegen kennen, er knüpfte Kontakte nach Prag, er gewann mit seinem Chef einen wichtigen Forschungspreis und schaffte es so in den politisch milden Jahren vor dem Prager Frühling, Professor an der Karls-Universität und Mitglied der Akademie zu werden.

Die Russen schickten 1968 Panzer nach Prag, ein Jahr später war Jaroslav Koutecký im amerikanischen Exil. Dort fehlte ihm die Kultur seiner Heimat, er vermisste Europa. Zumindest New York musste es sein, er nahm eine Stelle dort an und lernte auf dem Weg seine zukünftige Frau kennen, ebenfalls eine Naturwissenschaftlerin. Als zwei Jahre später der Ruf nach Berlin folgte, überzeugte er sie mit vielen Worten, dorthin mitzukommen.

Das Haus in Dahlem mit Blick auf Tannen entdeckte sie, als sie tagelang mit dem Doppeldeckerbus durch die fremde Stadt fuhr. Er war sofort begeistert, es erinnerte ihn an Kromeriz, das Haus der Eltern, in dem er vor dem Krieg aufwuchs. In Berlin blühte er auf, nicht zuletzt wegen der Künstlerfreunde, der Museen, der Konzerte.

Doch das größte Glück lieferte ihm die Geschichte. Von einem „Computerzeitalter“ sprach er, der Visionär, schon zu Zeiten, als andere nicht einmal wussten, wie man Computer schreibt. Doch 1989 überraschte ihn der Lauf der Dinge komplett. In seiner alten Heimat machten sie die samtene Revolution, und kurz darauf kam ein Brief aus Prag, über den er sich freute wie ein Kind. In wenigen Sätzen teilte man ihm darin mit, dass er in allen Ehren wieder in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden war. Er nahm den nächsten Zug nach Prag.

Jaroslav Koutecký verbrachte in den letzten Jahren seines Lebens eine Woche im Monat in der geliebten Stadt. Er durchfuhr sie, solange es ging, mit der Tram, er kannte jedes Gourmetrestaurant. Für den Umbau des tschechischen Wissenschaftssystems war er ein wichtiger Berater. Dass man ihm noch den Nationalpreis verlieh, hat er nicht mehr erlebt. Es geschah zwei Monate nach seinem Tod. Seine Urne wurde in Prag beigesetzt.

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