Wirtschaft : Jean-Claude Trichet muss vor Gericht

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Paris/Berlin (mo). Es sieht schlecht aus für Jean-Claude Trichet. Nach dem Stand der Dinge wird sich der amtierende Gouverneur der Bank von Frankreich für sein Verhalten im Finanzskandal um die ehemalige Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) nun doch vor Gericht verantworten müssen. So will es jedenfalls Untersuchungsrichter Philippe Courroye. Binnen fünf Tagen könnte die Staatsanwaltschaft, die für die Einstellung des Verfahrens plädiert hat, gegen die Entscheidung Courroyes noch Einspruch einlegen. Doch daran glaubt in Paris ernsthaft keiner.

Für die Franzosen wäre Trichets Auftritt vor Gericht ein herber Rückschlag. Es geht schließlich nicht nur um den Notenbankchef, es geht um den bislang aussichtsreichsten Bewerber um die Nachfolge von Wim Duisenberg, der von seinem Amt als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juli kommenden Jahres zurücktreten will. Seit 1998 hat die französische Regierung bekanntlich nichts unversucht gelassen, um ihren Wunschkandidaten vorzeitig in Stellung zu bringen. Bereits die Berufung des Niederländers Duisenberg an die Spitze der EZB war den Franzosen ein Dorn im Auge. Sie gaben so lange keine Ruhe, bis dass der legendäre Kuhhandel unter Dach und Fach war: Duisenberg sollte das Zepter vorzeitig freiwillig aus Altersgründen abgeben - natürlich an einen Franzosen, am liebsten an Jean-Claude Trichet; einem der Väter des Maastricht-Vertrages.

Selbst jetzt hält Paris nach wie vor an seinem Wunschkandidaten fest. Doch dürfte ein Notenbankchef, der sich vor Gericht zu verantworten hat, kaum Chancen haben, gewählt zu werden. Seit gut zwei Jahren wird gegen den 59-jährigen Trichet ermittelt. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Direktor des Pariser Schatzamtes, zwischen 1987 und 1993, also noch bevor er im Herbst 1993 Chef der französischen Notenbank wurde, an die Finanzmärkte falsche Informationen weitergeleitet zu haben. In seiner Funktion als Chef des Schatzamtes hatte Trichet die Kontrolle über die Staatsunternehmen. Dazu gehörte auch die Bank Crédit Lyonnais, die bis 1999 vom Staat geführt wurde und zwischen 1992 und 1994 einen Verlust von 3,2 Milliarden Euro ausweisen musste. Am Ende kostete die Sanierung der Bank den französischen Steuerzahler über 15 Milliarden Euro. Bei den Ermittlungen geht es um Bilanz- und Kontenfälschung, die erfolgt sein sollen, um das wahre Ausmaß der Finanzmisere zu vertuschen.

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