Wirtschaft : Jean-Luc Lagardère: Der Visionär und Drahtzieher prägt Europas Luft- und Raumfahrtindustrie

Andreas Bohne

Nichts hat noch vor wenigen Jahren darauf hin gedeutet, dass die augenscheinlich nur durch ihre Vielfalt bemerkenswerte französische Lagardère-Gruppe einmal eine Schlüsselrolle in Europas Luft- und Raumfahrtindustrie spielen würde. Und vor allem ihr führender Kopf, der heute 72 Jahre alte Jean-Luc-Lagardère.

Edzard Reuter, ehemaliger Daimler-BenzChef, ist einer, der es sicher schon gewusst hat. Ihm wird ein guter Draht zu Jean-Luc Lagardère zugeschrieben. Dass Deutschlands und Frankreichs beste Flugzeugbauer einmal in der European Aeronautics Defense and Space Co. (EADS) zusammenarbeiten und unter dem Dach der Airbus-Industrie einen Super-Jumbo in die Luft bringen würden, "ist vor allem auch durch die Freundschaft von Lagardère und Reuter befördert worden", sagt ein Vertrauter Lagardères, wohl wissend, dass erst Reuters Nachfolger die Kooperationspläne mit Lagardère tatsächlich zu einem Unternehmen formte. Heute sitzt Lagardère mit Dasas Manfred Bischoff dem Aufsichtsrat der EADS vor. Bei der EADS-Tochter Airbus hat er mit Forgeard einen weiteren Vertrauten auf dem Chefsessel untergebracht.

Am Anfang der wohl schillerndsten Familienholding in Frankreich, an der die Lagardères allerdings nur vier Prozent halten - stand ein Job als Geschäftsführer bei einem Zulieferbetrieb. 1965 übernahm der damals 37 Jahre alte Jean-Luc Lagardère den Posten des Directeur Général der Matra S.A. Die schon mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor von Marcel Chassagny, einem französischen Flugzeugbau-Pionier, gegründete Firma hielt sich mit Zulieferungen für die französische Flugzeug- und Automobilindustrie über Wasser. Sie hatte allerdings den Aufstieg in die Gruppe der führenden Flugzeugbauer oder Autohersteller verpasst. Der 1928 im südwestfranzösischen Aubiet geborene Lagardère, der es mit einem Abschluss als Elektroingenieur in der Tasche zum Leiter der Entwurfsabteilung beim Flugzeughersteller Dassault gebracht hatte, ergriff seine Chance. Unter seiner Ägide expandierte Matra in allerlei Technologiegebiete.

Die von Matra mit konstruierte Satellitenkapsel "Asterix" sollte der Großen Nation einen Platz im Weltraum und in Frankreichs Raumfahrtindustrie sichern. Unter der Marke Matra entstanden auch industrielle Transportsysteme, das modernste darunter die führerlose U-Bahn "Meteor" sowie Rennwagen. Auch im Telekommunikationssektor hatte die Matra-Gruppe die Hände im Spiel. 1973 erhielt Lagardère einen Zweitjob im Management des Rundfunk- und TV-Senders Europe, der schließlich 1986 mehrheitlich zu Matra kam. 1980 hatte Lagardère die Mehrheit an der 1826 gegründeten Verlagsgruppe Hachette erworben. Sie ist der Kern des weltweiten Zeitschriften-, Fernseh- und Internet-Geschäftes der Gruppe. Heute wird sie von Lagardères Sohn Arnaud geführt. Auch bei den frühen Fernsehaktivitäten war Matra dabei. Zusammen mit den Erfindern des TV-Standards Secam stieg Matra in die Herstellung von Farbfernsehtechnik ein.

Dadurch, dass die Matra-Gruppe die Jahre der Verstaatlichung unter Francois Mitterand glimpflich überstanden hat, konnte Jean-Luc Lagardère später den französischen Einfluss bei dem Luftfahrtriesen EADS sichern. Heute hält seine Holding 11,1 Prozent. Ein wichtiger Zwischenschritt dafür war 1992 die Einbringung von Matra und Hachette in die Börsen notierten Kommandit-Holding Lagardère SCA. Vor zwei Jahren kam dann die Verschmelzung von Matra mit der staatlichen Flugzeugbaugesellschaft Aerospatiale, die heute den französischen Teil der EADS bildet. Ihre Beteiligungen an der Airbus Industrie, am Flugzeugbauer Dassault und an einigen europäischen Rüstungs-Joint-Ventures tragen heute 40 Prozent zu den Erlösen der Gruppe bei. "Die Zukunft der Gruppe liegt jedoch im Mediengeschäft". Darin sind sich der Patron und sein Sohn einig.

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