Wirtschaft : „Jede zweite Bankfiliale muss weg“

Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Breuer: Öffentlich-rechtliche und private Institute sollten stärker kooperieren

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Frankfurt (Main) (hjk/rob/po/HB). Eine „radikale Neuordnung der deutschen Kreditwirtschaft“ ist nötig, um das „Ertragsloch“ der Branche zu stopfen. Das forderte der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) und Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „So wie die deutsche Kreditwirtschaft jetzt aufgestellt ist, ist sie nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagte Breuer. „Wenn wir fortfahren wie bisher, werden wir nur noch elegant unseren Niedergang verwalten.“ Um dies zu verhindern und Banken und Sparkassen wieder dauerhaft profitabel zu machen, sei es nötig, dass alle drei Säulen des Sektors – Privat und Genossenschaftsbanken sowie der öffentlich-rechtliche Bereich mit Sparkassen und Landesbanken – enger zusammenarbeiten.

Breuer bekräftigte damit seinen Vorschlag, das Drei-Säulen-Modell zu reformieren. Bisher weigern sich die Vertreter des Sparkassen- und Genossenschaftslagers, auf die Avancen der Privatbanken einzugehen. Sie sehen wie der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Dietrich Hoppenstedt, „keinerlei Notwendigkeiten“. Und Christopher Pleister, Chef des Bundesverbands der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), hält die Vorschläge für „ein durchsichtiges Manöver, um von eigenen Problemen abzulenken“.

Das sieht Breuer völlig anders. Die drei Segmente seien gleichermaßen von der Kosten- und Ertragskrise betroffen. Die seit langem überfällige Konsolidierung müsse nun entschlossen angegangen werden, sagte der BdB-Präsident. Es gehe darum, neue Optionen für Kooperationen über die Bankengruppen hinweg zu eröffnen. Dabei müsse man nicht gleich an Privatisierungen denken.

Die Unüberwindbarkeit der Grenzen innerhalb des Drei-Säulen-Modells sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Breuer. Für die Umstrukturierung sei die Unterstützung der Politik nötig, etwa durch die Öffnung der Sparkassengesetze in den Bundesländern. Als Vorbild nannte er das Saarland, wo Liberalisierungsversuche des Wirtschaftsministeriums derzeit heftig diskutiert werden.

Breuer sieht innerhalb aller drei Säulen akuten Handlungsbedarf: „Die Banken in unseren europäischen Nachbarländern sind schon weiter. Sie haben hinsichtlich Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit ihre Hausaufgaben bereits gemacht. Das haben wir hier in Deutschland noch vor uns. Wenn wir uns nicht freiwillig ändern, dann werden wir nolens volens von ausländischen Wettbewerbern zu Veränderungen gezwungen.“ Fortschritte sieht Breuer auf der Kostenseite. Die in diesem Jahr von allen Banken durchgeführten Kostensenkungsprogramme würden 2003 zu spürbaren Entlastungen führen: „Da hat sich viel bewegt. Deswegen bin ich für das nächste Jahr optimistisch, dass es zu einer Stabilisierung oder gar zu einer Besserung der Kostensituation bei den Kreditinstituten kommen wird.“ Aber es müsse noch weiter an der Kostenschraube gedreht werden. Binnen fünf Jahren, so prognostizierte Breuer, müsse sich die Zahl der Bank-Filialen in Deutschland halbieren, um eine ähnliche Produktivität zu erzielen wie in Nachbarländern. Der Zweigstellenabbau werde sich proportional überdurchschnittlich bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken vollziehen, weil diese das größere Netz hätten.

„Sparen alleine reicht nicht. Man darf auch nicht vergessen, neue Ertragsquellen zu erschließen. Da ist jetzt sehr viel Strategisches zu bewältigen, weil in vielen Fällen das Geschäftsmodell nicht mehr stimmt. Die Aufstellung ist oft zu breit und nicht fokussiert genug.“ Eine Pleite einzelner Banken hält Breuer nicht für ausgeschlossen: „Wir müssen uns fragen, ob nicht auch andere Banken ähnliche Probleme haben werden wie die Schmidt-Bank und die Gontard&Metallbank, die jüngst in Schwierigkeiten kamen.“ Breuer beklagte auch, nach zwei Jahren Konjunktur- und Börsenflaute gebe es keine stillen Reserven mehr.

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