Wirtschaft : Jede zweite Firma Opfer von Straftaten

Betriebe in Berlin und Brandenburg klagen über Zerstörung und Betrug / Grund oft mangelnde Vorsorge

Alexander Visser

Berlin - Mehr als die Hälfte aller Unternehmen in Berlin und Brandenburg sind im Jahr 2004 Opfer von Straftaten geworden. Das hat eine am Donnerstag veröffentlichte repräsentative Umfrage der Industrie- und Handelskammern in Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) unter Mitgliedsfirmen ergeben. Als häufigste Delikte gaben sie Vandalismus/Sachbeschädigung, Einbrüche und Betrugsfälle an (siehe Grafik). Die Schadenshöhe wurde nur für Fälle von Sachbeschädigung ermittelt. „Hier haben die Unternehmen einen durchschnittlichen Schaden von 36 700 Euro pro Vorfall angegeben“, sagte Knuth Thiel, Geschäftsführer des Arbeitskreises Unternehmenssicherheit Berlin-Brandenburg (Akus), der die Studie durchgeführt hat.

Bedenklich ist aus Thiels Sicht die geringe Bereitschaft der Unternehmen, die Vergehen anzuzeigen. „Insgesamt wurde nur jede zweite Straftat bei der Polizei gemeldet“, sagte Thiel. Nur schwere Vergehen wurden überwiegend angezeigt, etwa bei Raubüberfällen (86 Prozent) oder Brandstiftung (80 Prozent).

In den IHK-Bezirken Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) lag die Kriminalität auf etwa dem gleichen Niveau. In Berlin klagten Betriebe häufiger über Kreditkartenbetrug, in der Region Frankfurt wurden dagegen verhältnissmäßig viele Fälle von Vandalismus registriert. „Womöglich macht sich hier bemerkbar, dass wir in Berlin eine gut funktionierende Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei aufgebaut haben“, sagte der Berliner Akus-Geschäftsführer Gerd Woweries.

Mit einer Betroffenenrate von rund 50 Prozent liegt die Region in etwa im deutschen Durchschnitt. Eine Ende November veröffentlichte Studie der Universität Halle-Wittenberg und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) hatte ähnliche Ergebnisse für ganz Deutschland ermittelt. Allerdings ergeben sich bei den beiden Umfragen auch wichtige Abweichungen.

So hatte die PwC-Untersuchung ergeben, dass die Hälfte der Täter aus dem Unternehmen selbst stammten. Die befragten Unternehmen in Berlin und Brandenburg gaben dagegen an, dass 85 Prozent der Täter unternehmensfremde Personen gewesen seien. „Das ist wahrscheinlich eine Fehleinschätzung“, sagte Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft. In der IHK-Umfrage seien kleinere Unternehmen stärker vertreten als in der PwC-Umfrage. „Gerade die unterschätzen oft das Gefährdungspotenzial durch die eigenen Mitarbeiter“, sagte Stoppelkamp. Viele Fälle von Unterschlagung oder Korruption würden einfach nicht entdeckt.

Steffen Salvenmoser, PwC-Experte für Wirtschaftskriminalität, spricht von einem „Teufelskreis trügerischer Sicherheit“, in dem sich viele Mittelständler befänden. „Sie gehen davon aus, dass sie selbst nicht von Straftaten betroffen sind, und sehen daher auch keine Veranlassung, die Kontrollen zu verbessern“, sagte Salvenmoser. Nur jedes fünfte Unternehmen rechne laut PwC-Umfrage damit, in den nächsten fünf Jahren Opfer einer Straftat zu werden. Statistisch gesehen sei dagegen innerhalb von fünf Jahren jedes Unternehmen betroffen.

Die IHK-Untersuchung hat auch ergeben, dass Wirtschaftskriminalität für die Unternehmen in Berlin und Brandenburg zwar ein wichtiges, aber kein dominantes Problem ist. Die befragten Unternehmer gaben an, dass sie die Themen Arbeitslosigkeit, Bürokratie und die Zahlungsmoral der Kunden weitaus mehr belasten als Kriminalität. Um die zu bekämpfen, wünschen sich die Unternehmer vor allem eins: mehr Polizeistreifen.

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