Wirtschaft : Jeder gegen Jeden: Schiffe und Bahn auf Kollisionskurs

Finn Mayer-Kuckuk

Bahn und Binnenschiffer machen sich Konkurrenz, obwohl ihr eigentlicher Feind der Lastwagen ist. Gerade ausländische Lastwagen-Spediteure werben mit Kampfpreisen um Kunden. In diesem Konkurrenzkampf versuchen Schiff und Schiene einander Aufträge abzujagen. "Wenn das Binnenschiff und die Bahn gegeneinander arbeiten, lachen sich die Lkw-Spediteure ins Fäustchen", sagt Albert Schmidt, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Die Bahn biete Dumpingpreise an, um an die Massen-Fracht - Kies, Kohle und Container - zu kommen, lautet ein Vorwurf der Binnenschiffer. Sie sehen sich von der Politik im Stich gelassen. Das wirtschaftliche Potenzial der deutschen Binnenschifffahrt werde unterschätzt, kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Binnenschifffahrt, Gerhard von Haus, am Wochenende auf dem Forum Binnenschifffahrt 2001 in Dresden. Vor allem litten die Binnenreeder unter einer einseitigen staatlichen Begünstigung der Bahn. So stünden für den Ausbau des Schienennetzes in Deutschland jährlich 8,7 Milliarden Mark zur Verfügung, die Binnenschifffahrt erhalte nur 800 Millionen Mark.

Die Bahn wiederum will etwas vom schwindenden Marktanteil der Schiene retten - und ruft ebenfalls nach politischer Unterstützung. Die Bundesregierung ist in der Tat bereit, etwas für die Marktchancen der umweltfreundlichen Verkehrsträger zu tun. Das begrüßen die Binnenschiffer. "Es ist ein Zeichen für die herrschende Ungerechtigkeit, dass die Bahn zwei Milliarden Mark von den UMTS-Milliarden bekommt - und die Wasserstraßen nichts", sagt Gerhard von Haus. Dabei "erbringen die Binnenschiffe 90 Prozent der Transportleistung der DB Cargo." Das sei falsch gerechnet, sagt die Bahn. Ihr ausgedehntes und aufwändiges Netz koste einfach mehr. "Und wir setzen weiter auf intensive Kooperation mit der Binnenschifffahrt", sagt Tatjana Luther-Engelmann von der DB Cargo. Die Bahn habe erwogen, eine eigene Flotte zu beschäftigen, sich aber im Januar entschieden, lieber mit den etablierten Reedereien zusammenzuarbeiten.

In der Praxis jedoch, sagt von Haus für die Binnenschiffer, tue sich die Bahn schwer, mit dem Schiff in einer Transportkette zusammenzuarbeiten. Sie verlange beispielsweise für einen Anschlusstransport überhöhte Preise, während sie sonst versuche, das Schiff zu unterbieten. "Kaum war der Main-Donau-Kanal fertig, senkte die Bahn ihre Frachttarife auf den entsprechenden Strecken um ein Drittel", sagt von Haus. Das Binnenschiff sei an sich preiswerter als die Bahn - doch diese drücke ihre Preise über die staatlichen Zuschüsse und könne sich höhere Verluste erlauben. "Bahn und Schiff sollten nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Die Konkurrenz rollt auf der Straße", sagt Annette Faße (SPD), Vorsitzende der parlamentarischen Arbeitsgruppe Binnenschifffahrt.

550 von 1400 Unternehmen gaben auf

1994 gab die Bundesregierung die Frachtpreise auf den Wasserstraßen frei. Subventionierte niederländische Binnenschiffer drückten die Preise. Die deutschen Schiffe fuhren nicht mehr profitabel. Seitdem gaben 550 von 1400 Unternehmen auf. Für die unsicheren Arbeitsplätze findet sich kein Nachwuchs - und das in der Boombranche Transport. "Vielleicht gibt es die deutsche Binnenschifffahrt eines Tages nicht mehr", sagt Bernd Hink, Kapitän des Motorschiffs Hartenfels. Neben der EU-Harmonisierung müsse im Inland etwas getan werden. Die Forderung: Der Staat soll den Lastern die so genannten externen Kosten in Rechnung stellen. Hierunter fallen die Abnutzung der Straße, die Umweltverschmutzung oder die Kosten durch Unfälle.

Mit dieser Forderung rennen die Schiffer bei der Bundesregierung offene Türen ein. "Von 2003 an gibt es eine Lkw-Maut, die zehn Mal höher sein wird als die heutige. Das wird auch die Marktchancen der umweltfreundlichen Verkehrsträger verbessern", sagt Albert Schmidt. Das kommt den Umweltkosten der Lkw schon näher. Die Lastwagen verbrauchen rund fünf Mal mehr Energie und stoßen dabei vier Mal so viel Kohlendioxid aus. Auch die Unfallkosten sind bei Bahn und Binnenschiff im Vergleich zu den Lkw vernachlässigbar klein. Als weiteren Schritt, um die Straßen zu entlasten, fordert der grüne Koalitionspartner zudem, die Mehrwertsteuer für die Bahn zu senken. Ein Grund mehr für die Binnenschiffer, die Bevorzugung der Bahn zu beklagen. Doch die Regierung betont ihre Fürsorgepflicht. Albert Schmidt: "Die Verantwortung des Bundes ist bei Bundesunternehmen etwas höher. Man denke an die ehemaligen Bahn-Beamten, deren lebenslange Anstellung wir sichern mussten."

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