Wirtschaft : Jeder kann seine optimale Bankverbindung bekommen

Eine neue Bankverbindung schreckt viele ab.Sie fürchten sich vor dem Papierkram.Doch dafür winken Vorteile, wenn man den Wechsel wagt.So können Kunden von Direktbanken zuweilen mit besserem Service rechnen - und erheblich sparen.Für manchen lohnt es sich sogar, Geldgeschäfte bei mehreren Banken zu tätigen.Das zweite Girokonto und das zweite Depot können sich rentieren - solange man nicht den Überblick verliert.

Eines haben die Vorstände der Direktbanken gemeinsam: Sie strahlen einen unglaublichen Optimismus aus.Trotz horrender Verluste in Millionenhöhe sprechen sie über die gute Entwicklung ihres Geschäfts.So auch am Mittwoch in München: Die Direkt-Anlage-Bank, Tochter der fusionierten Hypo-Vereinsbank-Gruppe, berichtete darüber, daß sie nahezu alle Zahlen verdoppelt hat.Kunden, Transaktionen, Telefongespräche legten zu.Nur der Verlust bleibt hoch - bei immer noch über 600 Mill.DM.

Anlaufverluste haben die neuen Institute eingeplant.Sie reißen sich um die Kunden, lassen sich das etwas kosten.Darf es ein gebührenfreies Girokonto mit hohen Guthabenzinsen sein? Oder lieber Top-Fonds zum Nulltarif?

Der Erfolg der Offensive: Während Kreditinstitute ohne Filialen noch vor drei Jahren nur eine Randerscheinung im deutschen Geldgewerbe waren, ist Banking per Telefon, Computer, Brief oder Fax eine Wachstumsbranche.Die meisten der großen und mittleren Geldhäuser haben eine Direktbank-Tochter gegründet.Viele bieten einen solchen Service inzwischen im eigenen Haus an.

Hart ist der Kampf um die Kunden.Deren Zahl ist mit ungefähr 1,5 Millionen noch überschaubar.Aber sie soll kräftig wachsen, so eine Studie des Bankenfachverbandes in Bonn.Demnach gibt es ein Potential von bis zu 15 Millionen Kunden.

Mit Ausnahme der Allgemeinen Deutschen Direktbank und der Augsburger Aktienbank, die in den 60er Jahren entstanden, gehen alle Aus- oder Neugründungen von Direktbanken auf die frühen 90er Jahre zurück.Da nämlich war plötzlich herausgekommen, daß die Zahl der unzufriedenen Bankkunden in erschreckendem Maß zunahm.Die Ursachen lagen in einem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis und im mangelhaften Service.Die Öffnungszeiten reichten nicht aus, die Berater waren nicht erreichbar.

Die Advance Bank und die Allgemeine Deutsche Direktbank entschieden sich vor allem für die Zielgruppe der Kunden, die optimalen Service suchen.Die Bank 24, die Bank Girotel, die Comdirect Bank und die Direktbroker Consors und Direkt Anlage Bank konzentrieren sich auf die Zielgruppe der vorrangig konditionsbewußten Kunden.Noch nie waren die Chancen so gut, ein Geldhaus zu finden, das zu einem paßt, denn der Wettbewerb läuft nicht mehr nur über die Preise, sondern auch über die Produkte und den Service.Die Institute wissen, daß sie ihren neuen Kunden etwas bieten müssen - vor allem den anspruchsvollen.Etwa zwei Drittel der Direktbankkunden haben Abitur oder einen Hochschulabschluß.Die meisten sind jung, nämlich zwischen 26 und 45 Jahren.Je höher das Einkommen, umso beliebter ist die Direktbank: Die Kundengruppe mit einem Haushalts-Nettoeinkommen von 4000 bis 8000 DM bildet bei den Instituten einen Schwerpunkt.

Gleichwohl: Ein Schlaraffenland ist die neue Bankenwelt nicht.Die meisten auf den ersten Blick tollen Angebote haben auch eine Schwäche.

Die Direkt Anlage Bank hat inzwischen zwar mehr als eintausend Fonds mit Rabatt oder sogar ganz ohne Ausgabeaufschlag im Programm, darunter auch etliche Spitzenprodukte.Doch Girokonten führt die Hypo- Bank-Tochter nicht gerne, und bei Aktienkäufen per Telefon muß sich das Institut von zwei Konkurrenten - Consors und Comdirect - unterbieten lassen.

Das Zinsgiro-Konto der Advance Bank wirft zwar 2,5 Prozent Zinsen ab.Dafür langt die Dresdner-Bank-Tochter jedoch ab der 51.Buchung im Quartal und bei den Kreditkarten-Gebühren kräftig zu.Das Bank Girotel UniGiro-Konto bringt gar drei Prozent, ist aber nur für Studenten.Und die Comdirect verzichtet nur im ersten Jahr auf die Gebühren.Bankkunden sollten deshalb genau überlegen, was ihnen wirklich wichtig ist.Habe ich niedrig verzinste Beträge auf Sparbüchern oder als Festgeld angelegt, die sich besser rentieren könnten? Wofür zahle ich derzeit hohe Gebühren, die ich verringern möchte (Girokonto, Bargeldabhebung, Dispozinsen, Aktienkäufe, Fondskäufe)? Was ist mir am wichtigsten? Zu sparen, notfalls auch mit drei, vier parallelen Konten und Depots, um jeweils die besten Konditionen bei jedem Geldgeschäft herauszuholen? So wenig wie möglich zu ändern, also am liebsten bei seiner Hausbank zu bleiben, aber bei ihr auch außerhalb der Schalterzeiten Geschäfte zu machen? So mobil wie möglich mit dem Konto zu sein - und jederzeit von überall Optionsscheine zu kaufen und Festgeld anzulegen?

Wenn bei der Durchsicht der Unterlagen zum Beispiel 10 000 DM auftauchen, die auf einem Sparbuch mit 1,5 Prozent Zinsen schlummern, lohnt sich der Anruf bei der BMW Bank.Die zahlt für täglich verfügbares Geld 3,3 Prozent Zinsen - ein Plus von 180 DM, für das sich auch der lästige Papierkram bei der Kontoeröffnung rentiert.

Wer beruflich viel unterwegs ist, wird sich über die hohen Gebühren für die Bargeldauszahlungen an Automaten fremder Kreditinstitute ärgern.Dann sind die Girokonten der Allgemeinen Deutschen Direktbank (ADDB) und der 1822direkt interessant: ADDB-Kunden können sich weltweit an jeder Geldmaschine mit einem Visa-Zeichen gebührenfrei bedienen.Das sind allein in Deutschland mehr als 33 000 der insgesamt etwa 44 000 Automaten.

Das zweitgrößte Bargeldnetz bietet die 1822direkt der Frankfurter Sparkasse.Denn da bekommen Kunden Geld aus jedem Sparkassen-Automaten ohne Kosten.

Der Wechsel eines Girokontos ist aufwendig.Deshalb ist es wichtig, sich vorher genau über die Konditionen zu informieren.Das erste Jahr gebührenfrei ist kein guter Grund für den Wechsel - schließlich wechselt niemand das Girokonto jedes Jahr.Tip: Gebühren im zweiten Jahr vergleichen.

Noch mehr Zeit braucht gewöhnlich der Wechsel eines Wertpapierdepots.Die Direktbanken bieten meist sehr attraktive Konditionen für den Kauf von Anleihen, Aktien, Optionsscheinen und zum Teil auch für Fonds.Die Kosten betragen oft nicht einmal die Hälfte der üblichen Sätze.Doch der Übertrag der Wertpapiere vom alten auf das neue Depot ist teuer, weil die alte Bank meist hohe Gebühren verlangt.Deshalb nutzen viele Anleger ihr Direktbankdepot nur für Neuanlagen und lösen das alte Depot nach und nach auf: Immer wenn sie eine Aktie verkaufen oder die Rückzahlung einer Anleihe erhalten, überweisen sie die freigewordene Summe auf ihr neues Depot.Da auch die Direktbanken meist hohe Gebühren für die Übertragung von Wertpapieren auf ein fremdes Depot verlangen, ist die Auswahl des neuen Instituts auch hier sehr wichtig.

Konto und Depot gibt es bei der Direktbank indes nicht sofort: Denn die muß die Identität des Kunden mit einem umständlichen Verfahren überprüfen.Wer ein Konto eröffnen will, muß deshalb zunächst die Unterlagen anfordern, sie dann ausfüllen und zurückschicken und sich schließlich durch eine Kopie des Personalausweises oder durch eine Unterschrift zum Beispiel in einem Postamt legitimieren.Die ganze Prozedur kann sich wochenlang hinziehen.

Dem Anleger muß außerdem klar sein, daß er bei nahezu allen Direktinstituten keine Beratung erhält.Er muß alle Entscheidungen alleine treffen und dies durchhalten.Einzig die Advance Bank bietet eine Vermögensberatung.Diese ist allerdings standardisiert und basiert auf mehreren Muster-Depots mit Fonds.Deshalb sind Anleger, die umfassende Beratung wünschen, besser bei ihrer bisherigen Hausbank aufgehoben.Auch deren Konditionen sind durch die neue Konkurrenz unter Druck geraten.Oft sind die Depotkosten Verhandlungssache.

Was wird in Zukunft aus dem Bankenmarkt? Die Prognosen gehen auseinander.Die einen sagen: "Die traditionellen Filialbanken sterben." Die anderen setzen dagegen: "Die Direktbanken sind nur eine Modeerscheinung und in wenigen Jahren vergessen."

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