Wirtschaft : "Jeder muß darüber nachdenken, wo er Steuern zahlt"

TAGESSPIEGEL: Herr Henzler, die rot-grüne Bundesregierung wollte nicht alles anders machen, aber vieles besser.Ist ihr das gelungen?

HENZLER: Es wäre wohl ziemlich ungerecht, das schon heute zu beurteilen.Die Wähler wollten den Wechsel, und sie haben ihn bekommen.Jetzt muß man der neuen Regierung ein wenig Zeit lassen.

TAGESSPIEGEL: Aber die ersten 100 Tage sind vorbei, die Schonfrist ist abgelaufen.Wo liegt das wichtigste Problem der Regierung?

HENZLER: Sie hat einfach zuviel auf einmal gemacht.Die Idee einer Steuerreform, dazu einer mit ökologischen Elementen, dann der Ausstieg aus der Atomkraft, dazu noch die Wiedereinführung der vollen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und und und - das war wohl ein bißchen zuviel des Guten.

TAGESSPIEGEL: Ist das für die verhältnismäßig schlechte Stimmung am deutschen Aktienmarkt verantwortlich?

HENZLER: Die Unsicherheit beeinträchtigt vor allem das Management der Unternehmen in Deutschland.Den Einfluß der Bundesregierung auf die Börse würde ich demgegenüber eher gering einschätzen.

TAGESSPIEGEL: Ein zentrales Projekt ist die Steuerreform.Aber verdienen die bisherigen Pläne überhaupt die Bezeichnung Steuerreform?

HENZLER: In unserem Land ist eine Steuerreform immer ein evolutorischer Prozeß, der ganz langsam abläuft.Wir mögen hierzulande keinen großen Wurf.Unsere Politiker glauben nicht, daß man mit niedrigeren Steuersätzen höhere Einnahmen erzielen kann.Die nehmen lieber den Spatzen in der Hand, als auf die Taube auf dem Dach zu warten.Das war so, das ist so, das bleibt wohl so.

TAGESSPIEGEL: Doch jetzt drohen Unternehmen massiv damit, Deutschland zu verlassen - Energiekonzerne wie RWE und Versicherer wie die Allianz beispielsweise.Was halten Sie davon?

HENZLER: Bei den Versicherungsunternehmen handelt es sich um Mindereinnahmen von bis zu 30 Mrd.DM im Jahr.Das sind Größenordnungen, bei denen jeder Konzern ernsthaft darüber nachdenkt, wo er seinen Sitz hat und wo er seine Steuern zahlt.

TAGESSPIEGEL: Wie einfach ist es denn für ein Unternehmen, aus der Heimat wegzuziehen?

HENZLER: Auch kleine und mittlere Unternehmen sind heute weltweit tätig - der Begriff "Heimat" ist also problematisch.Solche globalen Unternehmen haben natürlich die Möglichkeit, ihren Standort zu wechseln.Für ein produzierendes Unternehmen, selbst eines mit ausländischen Fabriken, muß man allerdings acht bis zehn Jahre für einen Umzug ansetzen.Die Firma braucht Lieferanten, sie braucht die Logistik, sie braucht Mitarbeiter.Das sind Hürden, allerdings überwindbare - das zeigt das Beispiel des Hochsteuer-Landes Schweden: Von dort sind zahlreiche Unternehmen weggezogen, etwa Tetrapak.

TAGESSPIEGEL: Was würde ein Regierungsberater Herbert Henzler Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) jetzt empfehlen?

HENZLER: Wenn die Arbeitslosigkeit wirklich das zentrale Anliegen der Regierung wäre, müßte sie 80 Prozent ihrer Energie dem Arbeitsmarkt widmen.Wir wissen, warum Unternehmen teure Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzen.Wir haben längst erkannt, daß wir uns von einer Industrie- zur Wissensgesellschaft entwickeln.Das muß die Regierung berücksichtigen, wenn sie Arbeitslose von der Straße bekommen will.Das Kabinett sollte vorurteilsfrei an den Arbeitsmarkt herangehen, der im Umbruch ist.Beispielsweise hat sich die Schwarzarbeit in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.Heute wird in Deutschland jede sechste D-Mark des Bruttoinlandsprodukts auf dem Schwarzmarkt erwirtschaftet, sind fünf bis sechs Millionen Menschen in der Schwarzarbeit beschäftigt.

TAGESSPIEGEL: Was ist das Problem?

HENZLER: Die Beschäftigungslücke auf dem offiziellen Arbeitsmarkt ist eine Folge der Unternehmerlücke.Uns fehlen Unternehmer.Und wenn ich mehr Unternehmer brauche, dann muß ich alles tun, um sie zu bekommen.Jeder erfolgreiche Gründer schafft vier bis fünf Arbeitsplätze.Wenn wir nur eine Million Jungunternehmer gewönnen, wären das rein rechnerisch vier bis fünf Millionen neue Stellen.

TAGESSPIEGEL: Was ist zu tun?

HENZLER: Die Regierung muß um jeden Preis Unternehmer gewinnen - durch steuerliche Anreize oder durch Gründungslehrstühle an den Universitäten, durch ein investitionsfreundlicheres Klima hierzulande.

TAGESSPIEGEL: Aber wollen junge Leute sich denn selbständig machen?

HENZLER: In meiner Vorlesung an der Universität München habe ich in der vorigen Woche gefragt, was die Leute eigentlich so machen.Etwa 80 Prozent meiner Studenten sind berufstätig, viele haben ihr eigenes Unternehmen aufgebaut.Früher wollte fast die Hälfte der Studenten in den öffentlichen Dienst, heute will das keiner mehr.Junge Menschen sehen in der Selbständigkeit eine ganz normale Job-Alternative.Unabhängig von jeder Regierung vollzieht sich ein Wandel hin zur Bereitschaft, etwas zu unternehmen.Diesen Trend kann die Regierung verstärken.

TAGESSPIEGEL: Aber auch behindern.

HENZLER: Allerdings gelingt ihr das in der Informationsgesellschaft nicht mehr so gut.Der Staat kann zwar regulieren, daß ein Café keinen Tisch in der Fußgängerzone aufstellen darf.Aber es fällt ihm sehr schwer, die Unternehmungslust einer Internet-Company ähnlich zu beschränken.

TAGESSPIEGEL: Ein Vorwurf lautet, die Hochschulabsolventen heute seien zu praxisfremd.

HENZLER: Ich weiß aus meiner Vorlesung, wie schwierig es für Studenten ist, einen Praktikumsplatz zu ergattern.Da stehen die Unternehmen in der Pflicht.Wir dürfen den jungen Menschen nicht den Eindruck vermitteln, daß ihre Talente und Fähigkeiten nicht benötigt würden.

TAGESSPIEGEL: Werden vor allem die jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt in die Außenseiter-Position abgeschoben?

HENZLER: Das ist eine große Gefahr.Sehen Sie sich die vielen Unternehmen an, die darauf verzichten, betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen.Das Stichwort lautet: natürliche Fluktuation.Nur bleiben dabei die Berufseinsteiger auf der Strecke.Übrigens leiden die Unternehmen darunter erheblich.

TAGESSPIEGEL: Warum?

HENZLER: Sie merken es einem Unternehmen an, wenn es eine Zeit zu wenige oder gar keine neuen Mitarbeiter eingestellt hat.Die Halbwertzeit des Wissens steigt rapide - da ist jedes Unternehmen auf einen kontinuierlichen Fluß von neuen Konzepten und Ideen angewiesen.Jedes Jahr ohne Absolventen läßt Betriebe alt aussehen.

TAGESSPIEGEL: Wieso fusionieren eigentlich zur Zeit so viele Unternehmen?

HENZLER: Der Markt ist kein deutscher oder europäischer mehr.Der Markt ist ein Weltmarkt, und wenn ich auf ihm bestehen will, muß ich eine ausreichende Größe haben.

TAGESSPIEGEL: Ist der Zusammenschluß von DaimlerChrysler ein Erfolg?

HENZLER: Ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln.Als Betrachter dieses Vorhabens habe ich den allerhöchsten Respekt davor, wie die Partner diese Transaktion vorbereiteten und wie das Management sie jetzt umsetzt.Integrationsmanager Rüdiger Grube und sein Team machen einen fantastischen Job - und Jürgen Schrempp hat die Integration ganz oben auf seiner Agenda.Schon heute gibt es die ersten Synergieeffekte.

TAGESSPIEGEL: Wo locken die noch?

HENZLER: Vor allem in der Auto-, Pharma- und Chemieindustrie.Auch im Energiesektor, der bislang national organisiert war, und selbst im Einzelhandel würde ich Zusammenschlüsse nicht ausschließen.Viele Unternehmen haben durch die Hausse an der Börse einen gigantischen Wert angesammelt.Das verschafft ihnen die strategische Option, Unternehmen einzukaufen - womöglich zum ersten Mal in ihrer Geschichte.Die lassen sie sich nicht entgehen.Und in Europa gibt es wegen der Währungsunion noch zusätzliche Impulse, weil der Wettbewerb im Euroraum immer schärfer wird.

TAGESSPIEGEL: Fürchten Sie den schwachen Euro?

HENZLER: Nein.Die Abwertung von gut fünf Prozent hat ziemlich genau den Effekt, den die vieldiskutierte Zinssenkung gehabt hätte.Das tut der Exportwirtschaft gut, und das kann den Aufschwung festigen.

TAGESSPIEGEL: Hat im Moment niemand in Euroland Interesse am starken Euro?

HENZLER: Ich würde erstmal abwarten, schließlich ist der Euro gerade neun Wochen alt.Die bisherige Kursentwicklung ist eine rein kurzfristige Fluktuation.Sobald die Wirtschaft in Europa stärker wächst, wird der Euro wieder stärker.Davon haben dann wiederum die Unternehmen etwas, die in hohem Ausmaß auf Importe angewiesen sind.

TAGESSPIEGEL: Offenbar wird der Streit in Großbritannien um den Euro-Beitritt immer heftiger.Wann werden die Briten zum Euro-Raum gehören?

HENZLER: Viel schneller, als viele denken - die Fakten werden die Stimmungslage verändern.In Großbritannien braucht es bloß zwei oder drei große Firmen, die das Land verlassen wollen, weil sie Gefahr laufen, den Anschluß an den Wettbewerb zu verpassen.Auch die britischen Unternehmen können es sich nicht leisten, nicht in Euro abzurechnen.Dann wird sich Blair ganz schnell durchsetzen, und die Briten werden im Referendum für den Euro stimmen.

TAGESSPIEGEL: Erpressen die Unternehmen die Politik - die britischen in der Eurofrage, die deutschen bei den Steuern?

HENZLER: Ein globales Unternehmen kann es sich schlichtweg nicht erlauben, derart begrenzt zu denken.Mit Erpressung hat das nichts zu tun.

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