Wirtschaft : „Jeder Schritt kann nachvollzogen werden“

Datenschützer Peter Schaar über gefährliche Handys, Persönlichkeitsprofile im Internet und seine Erwartungen an den Datengipfel am Montag

Peter Schaar ist seit 2003 Bundesdatenschutzbeauftragter. Am Montag veranstaltet das Innenministerium ein Gipfeltreffen zum Umgang mit Geodaten. Eingeladen sind neben zahlreichen Bundesministern Vertreter der Wirtschaft und Datenschützer. Foto: Mike Wolff
Peter Schaar ist seit 2003 Bundesdatenschutzbeauftragter. Am Montag veranstaltet das Innenministerium ein Gipfeltreffen zum Umgang...

Herr Schaar, was ist so schlimm daran, wenn Google Häuser fotografiert, die sowieso jeder sehen kann?

Nicht die Fotos sind das Problem, sondern die riesige Datenbank, in der diese Fotos gespeichert sind und in der sie weltweit angesehen werden können. Diese Datenbank kann mit anderen Daten verknüpft werden, die bei Google oder bei Dritten vorhanden sind.

Was heißt das konkret?

Wenn sich jemand um eine Stelle bewirbt, muss er künftig damit rechnen, dass der Arbeitgeber schaut, wo und wie der Bewerber wohnt. Heute würde der Personalchef dort nie vorbeifahren, auch wenn er die Adresse kennt. Andererseits ist es natürlich ganz wunderbar, wenn ich mir als Wohnungssuchender das Haus und das Viertel im Internet ansehen kann.

Google räumt Hausbewohnern das Recht ein, der Veröffentlichung der Fotos zu widersprechen. Reicht das nicht? Warum braucht man noch einen Google-Gipfel mit Bundesministern?

Es soll ja gerade kein Google-Gipfel sein. Es geht nicht um einen bestimmten Dienst und auch nicht um ein einzelnes Unternehmen, sondern um die Frage, wie mit Geodaten im Internet umgegangen wird. Wir sprechen also nicht nur über Google Street View, sondern generell über elektronische Landkarten, Stadtpläne und Satellitenfotos von Gebäuden. Geodaten betreffen auch die Ortung von Menschen per Handytechnologie. Jeder, der ein Smartphone mit sich herumträgt und die Ortungsfunktion aktiviert, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Information gespeichert, übermittelt und gegebenenfalls mit anderen Informationen zusammengeführt wird.

Warum ist das gefährlich?

Jeder Schritt kann nachvollzogen werden. Freunde und Bekannte können herausbekommen, wo man ist, natürlich auch der Ehepartner oder der Arbeitgeber.

Was wollen Sie dagegen tun?

Wir brauchen einen verbindlichen rechtlichen Rahmen, der die heimliche Ortung durch Dritte verbietet. Das muss auch technisch sichergestellt werden. Eine Ortung darf nur mit der ausdrücklichen Einwilligung des Bürgers erfolgen, nur für ganz bestimmte Dienste, für eine befristete Zeit und mit ganz klaren Verwendungsgrenzen.

Heute ist das anders?

Ja. Apple – der Marktführer bei Smartphones – sieht in seinen Nutzungsbedingungen eine solche Ortungsmöglichkeit ausdrücklich vor, behauptet aber, die Daten würden nur anonym gespeichert. Es ist aber völlig unklar, ob es nicht doch eine Rückverfolgbarkeit gibt. Das Problem stellt sich aber nicht nur bei Apple, sondern bei allen Handys und Smartphones. Jeder, der ein Handy mit sich führt, kann geortet werden. Und die Ortung ist besonders genau, wenn das Handy die Möglichkeit hat, GPS-Satelliten anzupeilen. Dasselbe gilt für alle Geräte mit W-Lan-Schnittstellen.

Was weiß Google über seine Nutzer?

Der Google-Chef hat kürzlich gesagt, dass sein Unternehmen mehr über die Betroffenen weiß als diese selbst. Da ist was dran. Unser Gedächtnis ist lückenhaft, wir blenden bestimmte Dinge aus oder erinnern uns nicht mehr genau. Aber wer mit wem in E-Mail-Kontakt war, wer mit wem in einem sozialen Netzwerk befreundet ist, wer welche Suchanfragen eingegeben hat, all das wird registriert. Ich gehe davon aus, dass viele dieser Informationen zusammengeführt werden. Dafür gibt es ganz klare Indizien.

Welche?

Nehmen Sie zum Beispiel Google Buzz. Dieser Dienst hat die Daten aus dem G-Mail-Dienst von Google, also der E-Mail-Kommunikation, verwendet. Die Personen, mit denen man intensiver E-Mail-Kontakte hatte, tauchten automatisch auf der Freundesliste bei Google Buzz – für jedermann einsehbar – auf. Unternehmen wie Facebook können aus den Freundeslisten, die man selbst anlegt, den Nachrichten, die man mit anderen Mitgliedern austauscht, Einladungen, denen man folgt, und den angeklickten Seiten umfassende Erkenntnisse gewinnen. Der Einzelne, der sich in einem solchen Netzwerk bewegt, hat keine Chance, seine Interessen geheim zu halten.

Warum nicht?

Weil man über Ihre Freunde, deren Vorlieben und Fotos, die Ihre Freunde ins Netz stellen, Rückschlüsse auf Ihre Person ziehen kann.

Und wenn die Rückschlüsse falsch sind? Kann ich mich von einer falschen digitalen Identität befreien?

Das ist sehr schwierig. Ich kann nicht beeinflussen, wie Dritte über mich denken und was sie über mich ins Netz stellen. Allerdings kann man versuchen, sein Bild im Netz positiv zu gestalten. Dafür gibt es spezielle Firmen.

Immer mehr Arbeitgeber suchen im Netz nach Informationen über Bewerber.

Ich habe kürzlich mit dem Personalvorstand eines großen deutschen Unternehmens über dieses Thema gesprochen. Er hat gesagt: Menschen hätten nun einmal Fehler, ein ungünstiges Foto würde ihn nicht stören. Ich habe ihn dann gefragt, wie er reagieren würde, wenn ein Bewerber im Internet Sympathien für die rechtsradikale Szene erkennen ließe. Daraufhin hat er geantwortet, dass der Bewerber aus ethischen Gründen wohl nicht eingestellt werde. Das ist das Problem. Früher waren die Sphären getrennt. Heute lassen sich die Informationen aus den verschiedenen Lebensbereichen im Internet miteinander verknüpfen.

Ist Datenschutz eine Altersfrage?

Ja. Je schneller sich der technologische Wandel vollzieht, desto größer wird der Graben zwischen den Generationen. Für heute 20-Jährige ist der Umgang mit der Informationstechnik völlig normal. Diese „Digital Natives“ haben eine andere Wahrnehmung als diejenigen, die mit IT gar nichts zu tun haben oder das Internet nur als Werkzeug benutzen.

Sind Sie als Datenschützer für diese Generation wie der biestige Nachbar, der das Fußballspielen verbietet?

Einige denken, dass wir ihnen nette Sachen wegnehmen wollen, zum Beispiel Google Street View. Es gab Leute, die angekündigt haben, gezielt die Fotos derjenigen ins Internet zu stellen, die Widerspruch eingelegt haben. Ich sehe darin einen Mangel an Respekt. In der Netz-Community muss die Bereitschaft wachsen, die legitimen Interessen anderer zu akzeptieren, auch wenn man deren Sichtweise nicht teilt.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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